Foto: Susanne Schleyer 
Richard Anders: 
Marihuana Hypnagogica
Gedichte und Protokolle 
Mit Collagen des Autors  

20 € , 37 SFRca. 100 Seiten; 
ISBN 3-933149-30-4
 
Hörig

Die Pendel- uhren haben Ausgangs-
sperre

Verscherzte
Trümpfe

Zeck- Geschichten

Richard Anders wurde am 25.4.1928 in Ortelsburg / Ostpreußen geboren. Er arbeitete nach dem Studium, das er 1959 abschloß, als Deutschlehrer in Athen und an der Universität in Zagreb, und war ab 1965 in Hamburg als Archivlektor beschäftigt. In den 60er Jahren machte er Versuche mit dem automatischen Schreiben und begegnet in Paris den Surrealisten. Seit 1970 lebt er als freier Autor in Berlin. 
 
Presse: 
"Eine vogelleichte, vogelgluge randständige Existenz; es ist zu fürchten, daß solche wie die seine in der immer hektischeren, erbittert um die Kuchenkrümel feilschende Hauptstadt nicht mehr lange zu führen sind."
Ursula Krechel / Süddeutsche Zeitung
.
"Das absurde Tollhaus, das Absurde selbst in seiner Schönheit und Phantastik, um deren Idiom der Surrealismus selbst sich bemüht, ist der Sinn. (...) 
Der Schwindel der Existenz, der in den automatischen Texten zum kosmologischen Rausch wird, ist sein Thema auch in den spätesten Gedichten. Am kunstvollsten und kühnsten aus einem Bild entwickelt, (...) ist die Vision des verunglückten Lebens im "Traum vom Tod Georg Heims": "Weil das Fleisch mit den Knochen schläft und weil überhaupt in der surrealen Sphäre das Prinzip hemmungsloser Promiskuität ohne jede Artschranke zwischen den Dingen herrscht, (...) tanzen alle Dinge in einer Springflut von Metaphern, paradoxen Bildern, nie gesehenen Chimären in bockshafter Ausgelassenheit miteinander. Dieser kühne und zynische Humor, bei Autoren wie Benjamin Pèret oder Dalì/Bunuel noch gesteigert bis zur Groteske, der animiertesten und animierendsten Form der Verneinung, ist das eigentliche Lustprinzip der surrealistischen Produktion." 
Man müßte einmal nachsehen, ob die sieben Gedichte, die Benn zufolge den Dichter zur Unsterblichkeit qualifizieren, bei Richard Anders zusammenkommen. Dieses hier dürfte dabei sein." 
Die Zeit 23/8/96 Rezensentin : Gabriele Killert

"...Noch vom letzten Gabentisch liegt mit selbst gefertigten Kollagen reich und schön verziert - wie schon der Erzählband Hörig vom Vorjahr - jetzt eine Auswahl seiner lyrischen Arbeiten aus mehr als drei Jahrzehnten vor:
Die Pendeluhren haben Ausgangssperre.
...Es sind Wort-gewitter, in denen die Texte der Großen - Breton/ Soupault, Artaud, Benjamin, Pèret, Bunuel - wetter-leuchten.
Gabriele Killert / Die Zeit, 11.11.99


"Das absurde Tollhaus, das Absurde selbst in seiner Schönheit und Phantastik, um deren Idiom der Surrealismus selbst sich bemüht, ist der Sinn. (...) 
Der Schwindel der Existenz, der in den automatischen Texten zum kosmologischen Rausch wird, ist sein Thema auch in den spätesten Gedichten. Am kunstvollsten und kühnsten aus einem Bild entwickelt, (...) ist die Vision des verunglückten Lebens im "Traum vom Tod Georg Heims": "Weil das Fleisch mit den Knochen schläft und weil Überhaupt in der surrealen Sphäre das Prinzip hemmungsloser Promiskuität ohne jede Artschranke zwischen den Dingen herrscht, (...) tanzen alle Dinge in einer Springflut von Metaphern, paradoxen Bildern, nie gesehenen Chimären in bockshafter Ausgelassenheit miteinander. Dieser kühne und zynische Humor, bei Autoren wie Benjamin Pèret oder Dalì/Bunuel noch gesteigert bis zur Groteske, der animiertesten und animierendsten Form der Verneinung, ist das eigentliche Lustprinzip der surrealistischen Produktion." 
Man müßte einmal nachsehen, ob die sieben Gedichte, die Benn zufolge den Dichter zur Unsterblichkeit qualifizieren, bei Richard Anders zusammenkommen. Dieses hier dürfte dabei sein." 
Die Zeit 23/8/96 Rezensentin : Gabriele Killert 

"Kurz nach dem siebzigsten Geburtstag legt Richard Anders 
endlich einen repräsentativen Querschnitt durch sein lyrisches Werk vor. 
.... Der Reiz dieser Gedichte ... 
besteht in der sprachspielerischen,
halluzinatorischen Verknüpfung des Schönen mit dem Grotesken."
Jürgen Brôcan, NZZ, 5/6 Juni 1999
Den Bereich des Traums zu erkunden, diese Aufgabe haben sich von Anbeginn  Wissenschaft und Literatur, Medizin und Magie geteilt. 
Heute versorgen die Massenmedien ihr Publikum regelmäßig mit Informationen darüber. Träume zu haben, gilt als
normal. Nur über ihre Bedeutung wird gestritten. Der Bereich, dem sich der Verfasser mit diesen Protokollen forschend und protokollierend zuwendet, wird dagegen zumeist mit Schweigen übergangen, setzt sich doch derjenige, der hier aus eigener Erfahrung spricht bei ungenügend Informierten dem Verdacht aus, ein Fall für die Psychiatrie zu sein. Die inneren Bilder, deren unmittelbare Erfahrung der Verfasser einem Diktiergerät anvertraut hat, unterscheiden sich darin von denen des Traums, daß sie im Wachzustand erscheinen, vorzugsweise aber in abgedunkelten Räumen, was zu der etwas irreführenden Bezeichnung hypnagoge (zum Schlaf führende) Halluzinationen geführt hat. Hier sind aber auch nicht die Bild gewordenen Wunschvorstellungen oder Befürchtungen unseres Ichs gemeint, auf die der Begriff Tagtraum zielt. Das oft bizarre, unerwartete und flüchtige Geschehen der "phantastischen Gesichtserscheinungen" wie sie 1823 Johannes Müller nannte, entzieht sich dagegen weitgehend der Beeinflussung durch den Willen  - nur langes Üben kann diesem über die Bilder Macht verleihen, sie zum Bleiben bewegen. Die Bilder zu verdeutlichen, ihren Fluß etwas zu verlangsamen und damit beschreibbar zu machen, gelang dem Verfasser durch geringe Gaben von Marihuana, die er schließlich auch weglassen konnte, weil sein Gehirn (über mehrere Jahre hinweg bei zwei bis vier Sitzungen pro Jahr) ihr Protokollieren gelernt hatte. Das Marihuana erwies sich aber zuweilen als störend, was das ursprüngliche Vorhaben betraf, die Sprache nur als Medium der Beschreibung, als Mittel zum Zweck zu benutzen. Unter dem Einfluß der Droge wehrte sie sich, bloßes Werkzeug zu sein und beging poetische Versprecher. Das hieß aber vom bloßen, wissenschaftlich zu nutzenden Protokoll gelegentlich in den psychischen Automatismus hinüber zu wechseln, wo paradoxerweise die Galanterie des Drogengegners Breton galt: "Après vous mon beau langage."(Nach dir, meine schöne Sprache). So konnte sich der Verfasser auch nicht zum Streichen kürzerer oder längerer Passagen entschließen, wo er nicht Bilder sondern gehörte Sätze notierte.
Am Schluß seiner Einleitung sagt der Verfasser von der nur kurzfristig aufzuhaltenden Beschleunigung der Bilder, "daß der allen Dingen innewohnende Zerfall, der uns außer bei Katastrophen zumeist verborgen bleibt, in erschreckender oder grotesker Weise sichtbar wird. Nichts hat Bestand und Halt, Häuser biegen sich, stürzen zusammen, eine schöne Frau verwandelt sich in einen verdorrenden Ast. Die Erde wird von fürchterlichen Kreuzungen von Tier und Mensch in Besitz genommen. Vielleicht hat hier der Glaube an das Zweite Gesicht, das Hinweise auf die Zukunft geben soll, seinen Ursprung."
Richard Anders
 
 
Ein alter Krieger

der aus einem Gemälde zu stammen scheint
dreht seine sehr großen Glubschaugen zur Seite
und endet gleichfalls als Tier

Ich komme aus einem unterirdischen 
Eisenbahntunnel heraus
und sehe über der Brücke Hochhäuser
die sich zur Seite neigen
und sich wieder aufrichten
wie gespiegelt von Silberpapier
das man leicht faltet und wieder glatt zieht
Ich bewege mich 
durch eine vollkommen zertrümmerte Stadt
an deren Rand ein Ährenfeld steht
In einem Waldstück
eine Kirchenruine
durchwachsen von Laub
überwuchert von Efeu
ein Gesicht erscheint
das sich sogleich wieder zurück
in Gewächs verwandelt
ein anderer Mann mit Zylinder
hat ein Gesicht
wie zufällig
aus Straßendreck zusammengesetzt
mit eingesetzten oder hereingefallenen
Porzellanaugen

Gesichter auf einer Mauer
die sich nicht halten können
zum sofortigen Zerfall bestimmt

Ich fliege an einem steinernen Gebilde vorbei
dessen Gesicht für eine Statue
zu häßlich ist
dann komme ich zu einem Haus
Dort
in einem Krankenzimmer mit zwei Betten
liegen zwei völlig umwickelte Gestalten
Das Fenster geht statt auf die Landschaft
auf zusammenbrechende Häuser
Doch die Häuser
sind aus einem Film
der im Fensterausschnitt läuft
schließlich ist es draußen dunkel
sodaß das Fenster als Film 
über das Fenster als Landschaft siegt

Goldene beziehungsweise kupferne Figuren
teils asiatisch teils europäisch
sie biegen sich als wären sie aus Fleisch
sie teilen sich und lassen
Blicke in ihr Inneres frei
wo sich ganze Puppenstuben 
voll ihresgleichen befinden
Wenn die Fleischsonne schmilzt
stehen am Himmel nur Knochen
wer kann sich an den Himmel noch erinnern
Ich sehe durch das Brandenburger Tor
New York
Die Wolkenkratzer führen
zum Erinnern vergessener Gedanken
Besessenheitstänze auf
Es ist vollkommen dunkel
Affen mit roten Augen öffnen ihre Rachen...
 


 

Zeck-Geschichten  

Kurzprosa 

116 Seiten; 15 €, 27,50 SFR, ISBN 3-933149-15-0
Mit Zeichnungen des Autors 
 
 


Kennen Sie Zeck? Gemeint ist damit nicht das Fangspiel der Kinder oder gar ein Exemplar aus der Familie schmarotzerischer Milben, die gemeinhin unter dem Begriff Zecken bekannt sind, sondern das eigenwillige Phantasiegeschöpf des Richard Anders. Ein Autor, den es 1970 von Hamburg an die Spree zog und der bisher vor allem als Lyriker Beachtung gefunden hat. In seinem Prosastück „Zeck“spielt er sein liebstes literarisches Spiel: Mit hintersinniger Doppelbödigkeit spürt der Poet den Sprachenmechanismen unserer Tage nach. 
Wer oder was „Zeck“ nun wirklich ist, beschreibt Richard Anders in einem Vorwort: „In meinem Kopf wird Zeck zur Person. Ich forme sie nach meinem Bild. Zeck macht in meinem Kopf Geschichte, verfolgt Gedanken, treibt es mit ihnen... Jetzt bilden sich in meinem Kopf Sätze mit als Subjekt und Prädikat, die schreibe ich nieder, jetzt ist Zeck geboren und wäre ich Zeck, dann wäre ich mich jetzt los, wäre außer mir, endlich.“ 
Man kann sich „Zeck“, dieses skurrile Wesen, das eine ganz gewöhnliche Sau zur Stiefmutter hat, einen alternden Hirsch zum Stiefvater und sich ohne Unterlaß verwandeln kann, auch als einen modernen Eulenspiegel in einer irrealen Welt denken, ein Wortschelm, der auf ein Ganzes anderthalbe setzt. Man kann über ihn und seine ironisch-listige Bestandsaufnahme sehr herzlich lachen und sich zuweilen auch herzlich ärgern. Nämlich dann, wenn der Autor gerade so hübsch unser tägliches Wortgeklingel auseinandergenommen hat, um es dann selbst modisch aufzuputzen und sprachlich gesteltzt wieder zusammenzusetzen.Eine besondere Art von Perfidie? 
Peter Winkler, Berliner Kultur - Die Welt

zeck ist ein meister: er fällt vom himmel: ins lexikon, wo er in der nachfolge von paul valéry als mr. exploratête (zerebrallastiger kopfforscher) und exploraterre (land,- & leutekundiger weltsforscher) vielfarbig aufscheint. schach! dem nihil der metaphysichen walze. dieser zug promoviert zeck zum urvater des internationalen zeckismus, einer sensusensationslehre, die fingergespitzt und gedankenplastisch in die kunst des umganges mit den sinnen in der kunst einführt. dieser kunst huldigt zeck als schreibtischtäter, der aus seinem eigenen fleisch und blut handgeschöpftes bütten und unterbrochen seitensprünge zu sätzen macht. wieder (richard) anders gesagt: als matador der freien welt, der schatten aufs horn nimmt oder embryo, der mit bildern solange um liebe bettelt, bis ihm diese im paradies zuteil wird. der zeckismus ist tot. das ist deine chance, geneigter leser. ich erkläre die große epoche der zeckforschung für gekommen.
Ginka Steinwachs
 

WENN ZECK FÜR EINE FRAU durchs Feuer geht, weiß er nicht, wo das Feuer aufhört und die Frau anfängt. Steht das Feuer aber nur auf dem Papier und brennen nichteinmal die Buchstaben, kann von Gefahr nur die Rede sein. Und was den Rauch dummen Geschwätzes angeht, der über diesem Papierfeuer steht – einen Aschenregen muß Zeck nicht befürchten. Sein Pompeji erlebt er anderswo. 
 

 
Die Pendeluhren haben Ausgangssperre 
 
Ausgewählte und neue Gedichte 
Edition Galrev, Bandnummer: 52 
etwa 120 Seiten; 12,50 €, 23 SFr 
ISBN: 3-933149-07-X, Warengruppennummer: 1 150 
Mit farbigen Collagen des Autors 

Mit "Die Pendeluhren haben Ausgangssperre" legt Richard Anders eine Summe seiner lyrischen Arbeit aus fünf Jahrzehnten vor. Die von ihm selbst getroffene Textauswahl belegt eindrucksvoll eine Spur, die unter ihrer Lesart als "deutschsprachiger Surrealismus" Literaturgeschichte geschrieben hat ­ nur dies eben nicht mit den Initialen eines nach dem Kriegsende bald wiederbelebten deutschen Selbstbewußtseins. Viel eher schrieb sich diese Richtung mit einer Geheimtinte, das heißt, mit dem Einfluß der automatischen Schreibweise, jener écriture automatique des französischen Surrealismus, also jener international anerkannten Poesiemethode, die sich den diversen Unterströmungen des Bewußtseins öffnet. Somit erscheint "Die Pendeluhren haben Ausgangssperre" auch als eine Differenz und als Beispiel einer beharrlichen Anknüpfung an die mit dem Kriegsende aus Ruinen auferstandenen und bald wieder an den Rand gedrängten Avantgarden der europäischen Vorkriegsära. Daß der Surrealismus in Deutschland nur als Marginalie Fuß fassen konnte, läßt sich nur schlecht mit dem Bestreben erklären, so schnell es nur ging wieder auf ganz eigenen Beinen zu stehen. Zu vieles blieb dabei auf der Strecke. Die für den Surrealismus zur Disposition stehenden Beweggründe waren (und sind): die Liebe, der Traum, das Begehren, der Rausch und vor allem die Überzeugung, daß die Menschen niemals aus dem Alptraum der Geschichte erwachen würden, wenn sie weiterhin ihre alte (cartesianische) Unterscheidung zwischen der Gewißheit und dem Schattenreich der Irrtümer zu einem Bollwerk gegen das Unbekannte, das Rätselhafte und das Wunderbare machten. 
Richard Anders setzte sich, wie wenige andere deutschsprachige Poeten, mit solch einem "Ding der Unmöglichkeit" und dessen Chancen auseinander, vom romanischen Ursprung her in das benachbarte Idiom übertragen zu werden. Der ideologieverdächtige Ismus hinter jener äußerst weltoffenen Bewegung bildete hierbei letzten Endes nur eine Rahmenbedingung, ohne die es den kollektiven Mythos einer Gruppe von Künstlern, die auf eine Revolution der Wahrnehmungen eingeschworen war, vielleicht nicht gegeben hätte. Er ließ jedenfalls genügend Spielraum für viel Freiheit bei den dichterischen und der Malerei verbündeten Experimenten mit dem Unterbewußten. Richard Anders hat sich in seinen Gedichten immer wieder dem Wunderbaren und auch bizarren Absonderlichkeiten gewidmet, soweit sie auf der Reibefläche zwischen dem Wünschenswerten und dem Widersinnigen die Vorstellungskräfte entzünden. Seine Bilder entsteigen der Verwandlungsbereitschaft des Schlafs und leeren den Schatten der Dinge, so daß diese den gewohnten Halt in unseren Begriffen verlieren. Das Grauen, als eine Kehrseite des Wunderbaren und der Schönheit, fällt in seinen Texten nicht unter den Werktisch der Selbstzensur, sondern verliert Wort für Wort und Schluß für Schluß (denn Richard Anders ist ein verblüffender Schlußfolgerer) von seiner Ungestalt und ihrem dementsprechenden Schrecken. Und es gibt oft ein Lachen. Nicht von der Art, die im Halse stecken bleibt, sondern eines, das sich hinter der Deckung, die die Bilder ihren Gegenständen bieten, über vieles Absurde an der Versteck spielenden Wahrheit amüsiert. 
Andreas Koziol 
   
   
Steinbläue über dem Dolchschatten 
 
Weil das Fleisch mit 
dem Knochen schläft 
rollen Augen über den Tisch 
tanzt löwenbeinig 
der Tisch übers Meer 
öffnet das Meer Fenster 
über einem Meer von Gesichtern 
 
 
 
Aus der Traum 
 
Leere Mauern 
falsche Spiegel 
graue Tränen 
 
Man versucht mit den Flügeln 
der Statuen zu fliegen 
aber der Wind kommt nicht 
schläft irgendwo faul 
 
Bevor sie diese trostlose 
Gegend erreicht haben 
stürzen Wolken vom Himmel 
 
Ihre unförmigen Trümmer 
liegen auf den Plätzen umher 
 
Die Pendeluhren haben Ausgangssperre
Verscherzte Trümpfe 
 
152 Seiten; 12,50 €, 23 SFR, ISBN 3-910161-31-6 

22 Zeichnungen von Horst Hussel
 
Ein Ich legt die Brille ab und schreibt, läßt die Hand gleiten und die Schrift laufen. Ein Ich setzt die Brille auf und faltet die Rätsel dieser "wortgewordenen Vernunft" auseinander, löst die ineinander- geschachtelten Metaphern einer fremd-eigenen Schrift - Fundstücke eines seltsamen Besuchs bei sich selbst. Die Bilder entwickeln sich unter dem Blick des bewaffneten Auges, werden wie Treibgut aus dem Meer des anderen geordnet, sortiert, gelöscht, mit abstraktem Material gemischt, bis ein Denkbild entsteht, das spricht: "Was ich mir zu sagen habe." 
Richard Anders' VERSCHERZTE TRÜMPFE ist ein Buch des Blickwechsels - des schnellen Schreibens der écriture automatique wie des genauen Lesens und Nachdenkens über die Logik, über die Fallen der Fundstücke. Ausgehend von den Bildkarten des Tarot, entwickelt sich in den kurzen Prosastücken ein dichtes Gewebe, das sein Material immer wieder reflektiert, assoziativ weiterdenkt und seine Bedeutungen so im Fluß hält: Schnell wechseln auf der Guckkasten-Bühne des Schreibens die Bilder des Ichs. Im Kraftfeld ihrer Bewegungen werden die Bilder magnetisch, die die "Lufthüllen aus Wahrheit gefallener Pardiese" umtanzen, verkleiden, entbergen - Chiffren des eigenen, Chiffren des anderen. 
Hans Jürgen Balmes 
 
 
 
Zimmerdecke 
Statt in den Tag, lebst du in sein vergangenes Bild hinein. Wird es endlich hell im Zimmer, siehst du dich, an einer Nabelschnur leuchtend, von der atmenden Decke hängen. So, nach oben in die Vergangenheit blickend, siehst du dich zugleich unten in der Zukunft im eigenen Schein liegen. Dies Hin- und Herfliegen deiner Blicke durch die Zeit zwischen dir und dir und die gleichzeitige Möglichkeit, dir mitsamt der atmenden Decke auf den Kopf zu fallen, ließe dich taumeln wie der Schwindel auf einem zu hohen Turm, wenn nicht die Hoffnung dir Halt gäbe, daß ein solches Ineinanderstürzen der Zeiten auch deine hängenden und liegenden Lebenshälften in weißglühender Lust verschmelzen würde. 
 
Hörig 
Erzählungen 
 
ca. 120 Seiten; 15 €, 27,50 SFR,  ISBN 3-910161-80-4 
Vorzugsausgabe von 30 Exemplaren auf Hanfpapier mit einer gedruckten und handkolorierten zwölften Collage; Preis: 150,- DM, 134,- SFR, 1095,- ÖS 
 
 
 
Eine schillernde Phantasie, die überall ihre giftigen, süßen Blüten treibt, durchzieht diese aus drei Jahrzehnten stammenden Erzählungen. Die Dynamik dieser Metamorphosen entspringt verschiedenen Quellen: Sie rührt aus der Transformation seelischer Urszenen in poetische Metaphern, aus dem kalkulierten Spiel einer manieristischen Kombinatorik und der genußvollen Hingabe an die zeugerische Kraft von Wortklängen und Bedeutungsüberlagerungen. Im Zentrum steht, nein: durch die Texte fließt der rote Faden eines Ich, das in die Rolle eines Demiurgen schlüpft, als Samentropfen in der Wüste versickert, die fingergroßen Eltern wie Labormäuse hält oder im Selbstversuch das Auge aus dem Kerker des Körpers und als höhere Lebensform züchten will. Das Ich und seine poetischen Statthalter befinden sich in einem ununterbrochenen somotischen Prozeß mit der organischen und anorganischen Welt, sie vollführen, wie es einmal heißt, "ruckartige Bewegungen zwischen Sein und Nichtsein." Das Privileg der Götter aus Ovids Metamorphosen eignet sich das virtuelle Ich dieser Erzählungen an und wendet es ins Surrealistische und Psychedelische. 
Jürgen Egyptien 
 
Hörig sitzt auf einem Stuhl und wiegt ein noch junges Meer in seinen Armen, als sich plötzlich, von vier hundsgroßen Tauben getragen, die Morgendämmerung nähert und ihm ihren Spiegel vorhält. Doch statt sich selbst erblickt Hörig im Spiegel eine schöne junge Frau, deren Bewegungen den seinigen gleichen. Als sie zu reden anfängt, hört Hörig seine Stimme in einer etwas höheren Tonlage. "Haben Sie gesehen", fragt sie Hörig, "wie Hörigs Zunge durch die Wüste geschleppt wurde? Sie hing ihm so lang zum Hals heraus, daß sie abriß. So durstig sie auch war, sie ist nicht weit durch die Wüste gekommen." 
Hörig führt den Zeigefinger in den Mund und ertastet Stalagmiten und Stalaktiten wie in einer Tropfsteinhöhle. Von einer Zunge keine Spur. "Wo ist meine Zunge?" will Hörig rufen, bringt aber ohne Zunge nur ein Krächzen zustande. Hörig erschrickt von neuem. "Hat nicht eben mein Spiegelbild klar und deutlich gesprochen?"

 

Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Uwe Greßmann Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger