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Daß Rumäniens Dichter bisher so wenig
bekannt geworden sind, liegt und lag vor allem an den bisherigen Übersetzungen,
die dem lyrischen Sprachniveau ihrer Zeit nie gerecht geworden sind, was
auch Hans Magnus Enzensberger im Vorwort zu seinem "Museum der modernen
Poesie" betont, wo Rumänien fehlt.
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Diese Sammlung, wo über dreißig rumäniendeutsche
Lyriker durch ihre Übersetzungen die rumänischen Kollegen einem
deutschen Publikum zugänglich machen, ist eine Art Hommage der Ausgewanderten
an die rumänische Dichtung.
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Die Anthologie stellt vier Generationen vor: die
sogenannte Generation 60, die 1960 zu veröffentlichen begann, dann
die Generationen 70, 80 und 90. Doch werden auch die Kraftlinien der Einflüsse
zurückverfolgt, ältere Autoren der rumänischen Avantgarde,
die übrigens auch Paul Celan beeinflußt hatten, ebenfalls aufgenommen.
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Im Zentrum steht die "Generation 80", sie garantiert
heute einen neuen Stil auf der Höhe der Zeit, eine besondere, rumänische
Art der "Postmoderne", die kein papierenes Spiel mit Versatzstücken
ist, sondern eine leidgeprüfte, ironisch-sarkastische Wiederaufnahme
der im Westen zur Mode erstarrten Form. In der Mentalität sind diese
Vierzigjährigen nicht weit von ihren berühmten Kollegen Emil
Cioran und Eugène Ionescu entfernt, die vom "Walachischen Nichts"
sprachen und das Absurdistan der rumänischen Zustände (vor, während
und nach der Diktatur) zum radikalen Bruch, zur negativen Mystik und zum
Schwarzen Humor inspiriert hat.
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Nachdem nun die alte Grenze und auch die alte innere
und äußere Zensur überwunden wurden, wird eine ganz neue,
viel schwierigere und fast unüberwindliche Grenze im Bewußtsein
und in der Sprache erkannt! Wichtig auch, daß Mircea Eliades Nachfolger
auf dem Lehrstuhl in Chicago, Ioan Petre Culianu, gleichaltrig mit den
Achtzigern und mit einigen von ihnen befreundet, eine orginelle Deutung
des Postmodernismus aus der Perspektive theologischer Exegese einbrachte,
die die rumänische Literatur beeinflußt hat: daß wir Gefangene
eines verinnerlichten Zwanges sind, Welt so zu sehen, herzustellen, wie
es uns eingebleut worden ist, samt den "Kulturzitaten", die uns nicht loslassen.
Die Generation 80 versucht, der "Literathure" zu entfliehen. "Als Leser
kommt nur noch der Tod in Frage" (Mircea Cartarescu).
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Doch kein Import-Stil wird kultiviert, auch wenn
starke amerikanische und französische Tel-Quel-Einflüsse zur
Brillanz verholfen haben, denn Ausgangspunkt ist das Totalitäre, seine
falsche Pathetik und sein Kitsch.
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Die Generation 80, so einer ihrer Poeten, wird von
der Wirklichkeit "hypnotisiert", "von der Unmenge natürlicher Poesie,
die ihr entströmt". Diese Dichtung sei "überraschend irdisch",
und die "Banalität empfange täglich Visiten der Poesie"; das
"Weltall" sei städtisch geworden, und die Ekstase "aus den Innenräumen
auf die Straße hinausgetreten", keine "metaphysischen Stoßseufzer"
mehr, es gäbe "neue Masken" und Gefäße für das nicht
direkt Sagbare, die berühmte "morgendliche Kaffeetasse", "die Zeitung",
der "Einkauf", anstatt "sphärenmusikalischer Solfeggien", die Mülltonnen
auseinanderzunehmen. Das "Wirkliche" sei "zur Offenbarung geworden". Und
dies vielleicht auch, weil die genaue Wahrnehmung dieses Wirklichen von
der Diktatur gefürchtet wurde, ihr ganzes Parolenarsenal und die ideologischen
Abgedroschenheiten dienten nur zur Täuschung und zur Verhüllung.
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Auffallend ist die "Freimütigkeit" dieser Generation,
die unbelastet von Zwängen und Ängsten offen und selbstverständlich
auch der Securitate gegenübertreten konnten, ja Forderungen stellten.
Eigentlich war der Geist dieser Generation schon "posttotalitär" -
luzide, skeptisch, ironisch, der Glaube an große Entwürfe, Ideen,
Utopien war zerbrochen. Ironie, Mündlichkeit, Humor, das Komische,
das Absurde, der Alltag zieht sie an. Das alte "Walachische Nichts" der
Vergeblichkeit kommt zum Vorschein. Und das Zufällige, ja der gelebte
Moment als Mirakel, eine Art Lupe, "monströser Blick" auch, der alles
verfremdet, Schockerlebnisse ermöglicht, im Banalen versteckt, das
Wesentliche entdeckt.
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aus dem Nachwort von Dieter Schlesak
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Mircea Cartarescu: Der Westen
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Der Westen hat mir den Mund gestopft.
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Ich habe New York und Paris gesehen, San Francisco und
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Frankfurt
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ich war an Orten, von denen ich nicht zu träumen wagte.
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Ich kehrte mit einem Stapel Fotos zurück
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und mit dem Tod in der Brust.
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Ich hatte im Glauben gelebt, daß ich etwas bedeute, daß mein
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Leben
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etwas bedeutet.
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Ich hatte Gottes Auge gesehen, wie es mich durchs Mikroskop betrachtete
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meine Zuckungen auf der Lamelle.
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Jetzt ist aller Glaube dahin.
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Ich war gerade gut genug für eine idiotische Stabilität,
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für ein tiefes Vergessen,
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für einen einsamen Frauenschoß.
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Ich flanierte durch Orte, die heute verschwunden sind.
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Ach, meine Welt ist versunken!
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Meine Welt gibt es nicht mehr,
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meine elende Welt, in der ich etwas bedeutet hatte.
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Ich, Mircea Cartarescu, bin in der neuen Welt niemand
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es gibt hier 1038 Mircea Cartarescus
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und Menschenwesen, die 1038 mal besser sind
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es gibt Bücher hier, die besser sind als alles, was ich je gemacht
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habe
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und Frauen, die sich einen Dreck darum scheren.
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Ein Sprung im pragmatischen Ei, und schon ist Gott hier
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in seiner ureigenen Schöpfung, ein schick gekleideter Gott
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in schönen Städten, an wundervollen Herbsttagen
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und gleichsam zarte South-Virginia-Nostalgie in Dorins
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Straßenkreuzer (Countrymusic aus den Boxen)
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Ich sehe jetzt, wie eng meine Grenzen sind,
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und wie eng die Grenzen der Literatur.
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Die Literatur gibt es nur noch, um zu verkünden,
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daß es die Literatur nur noch deshalb gibt: um zu verkünden
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daß ... Ich aber habe den Sears Tower gesehen
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und aus dem Sears Tower weit unten Chikago im grünen Nebel
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Die Poesie aber ist ein Zeichen von Unterentwicklung
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ebenso, wenn man seinem Gott ins Auge blickt
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obwohl er sich nie gezeigt hat.
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Ich sah Flipper und Buchhandlungen und konnte den Unterschied nicht erkennen
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und ich begriff, daß die Philosophie Entertainment ist
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und die Mystik Showbiz
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Die Kultur ist Oberfläche und es gibt überhaupt nur Oberfläche
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die aber ist komplexer als jede Tiefe.
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Was wäre ich dort? Ein Entzückter, ein bis zum Wahnsinn
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glücklicher Mensch
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der mit seinem Leben am Ende ist
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mit seinem definitiv abgefuckten Leben wie der Wurm in der
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Kirsche
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der sich auch etwas Besseres dünkte
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ehe er ans Licht kroch und den Dreck neben sich sah
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(mein Dreck, meine Gedichte)
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Ich habe Menschen gesehen, denen das Abtreibungsgesetz
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wichtiger war als der Zerfall der Sowjetunion
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ich habe hohe und blaue Himmel gesehen voller Flugzeuge und
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ihren Lichtkegeln
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und ich habe das Gebrüll der viertausend Universitäten erlebt
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ich erstieg den Eiffelturm über den Treppenaufgang
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und fuhr ins Centre Pompidou durch die Plexiglasröhre
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und in Iowa City war ich im Fox-Head zu Gast ...
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Ich plauderte in Ludwigsburg mit Hassan und Bradbury
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und Grass und Barth und Federman über die Postmoderne
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wie der Verurteilte mit seinem Henker schwatzt
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ich hielt das Sausen des Fallbeils,
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das meinen Kopf vom Körper trennt, auf Tonband fest
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Es war mir zum Heulen im Luxus von Monrepos:
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Wie ist das möglich? Wieso sind wir vergeblich geboren?
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Weshalb schlagen wir uns mit Vadim und den Nationalisten
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herum?
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Warum können wir nicht endlich mal leben?
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Wieso atmen wir jetzt, da wir endlich leben könnten
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schon wieder den sauren Geruch der Mülltonnen ein?
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Postmoderne und Biedermeier
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Dekonstruktion und Tribalismus
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Pragmatismus und Nabelschnüre
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und das Leben, das anderswo ist ...
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Ich habe San Francisco gesehen, die Schiffe auf dem blauen Golf
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und weit draußen im Ozean die bewaldeten Inseln
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im Pazifik, wenn du dir das vorstellen kannst!
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Ich habe meine Hände ins Wasser des Pazifik getaucht »thanking
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the Lord
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for my fingers».
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Irrsinniges Fernweh überkam mich.
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Und in der berühmten Buchhandlung Ferlinghettis (es gibt sie
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tatsächlich!)
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wie wenn man bewußt in den eigenen Traum oder in ein Buch
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einträte ...
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Einer, der hundert Jahre lang tiefgefroren war,
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öffnet die Augen und entscheidet sich fürs Sterben.
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Was er gesehen hat, war zu schön und zu traurig.
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Denn er kannte da keinen und an den Fingern eiterten die Nägel
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und seine Zähne waren über die Maßen verrottet
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und im Kopf
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hatte er allerlei unnützes Zeug
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und alles, was er je unternommen hatte,
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war von der Substanz her bestenfalls halbe Windstärke gewesen.
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Ein Mann auf einer fernen Insel hatte
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eine Nähmaschine aus Bambus erfunden
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und hielt sich für ein Genie
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denn niemand von den Eingeborenen
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hatte sich je etwas Ähnliches ausgedacht und als die Holländer
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kamen
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belohnten sie ihn für seine Erfindung
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mit einer elektrischen Nähmaschine.
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("Danke schön", sagte er und entschied sich fürs Sterben.)
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Ich finde meinen Platz nicht, ich bin nicht mehr von hier
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und kann von dort keiner sein.
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Die Poesie aber? Ich fühle mich als letzter Mohikaner,
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lächerlich wie Denver, der Dinosaurier.
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Die beste Poesie ist die, die erträglich ist,
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die nur erträglich ist und sonst nichts.
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Wir haben zehn Jahre lang gute Poesie gemacht,
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ohne zu wissen, wie schlecht die Poesie war, die wir machten.
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Wir haben große Literatur gemacht und begreifen jetzt,
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daß sie gerade deshalb nicht über die Schwelle kommt,
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weil sie groß ist,
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zu groß, erstickend in ihrem Fett.
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Auch dieses Gedicht ist kein Gedicht,
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denn nur was kein Gedicht ist,
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kann noch als Poesie bestehen,
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nur was nicht Dichtung sein kann.
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Der Westen öffnete mir die Augen, als ich mit der Stirn an
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den Türrahmen prallte
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ich hinterlasse anderen, was bis heute mein Leben war.
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Mögen andere glauben, woran ich geglaubt.
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Mögen andere lieben, was ich geliebt.
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Ich kann nicht mehr.
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Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr.
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(gekürzt)
- übertragen von Gerhardt Csejka
Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger
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