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Wer ausschließlich große, unsterbliche
Poesie erwartet, der ist falsch bedient mit diesem Band: Slam! Poetry
ist Avantgardekunst von hohen Graden, geschrieben für den Augenblick,
nicht für die Ewigkeit - Originalität und Authentizität
sind allemal am wichtigsten. Das erfordert Mut - einen Mut, der auch jungen
Dichtern in Deutschland zu wünschen wäre.
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Holger G. Ehling
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...Anders als bei den Beats wuchs die vorderste
Reihe der neuen Bewegung aus Bevölkerungsschichten, die durch den
verschanzten Konservatismus des amerikanischen Lebens gefährdet waren
und somit die Mannigfaltigkeit der amerikanischen Landschaft weit besser
als die Beats repräsentierten: Afro-Amerikaner, Latinos, Juden,
Asiaten, Schwule und Lesben, arbeitslose Weiße, Obdachlose, jugendliche
Trebegänger und Frauen, deren grundlegende Bürgerrechte aufs
neue bedroht sind. Begabt und politisch engagiert artikulierten sie die
überall fühlbare Unzufriedenheit mit der amerikanischen Gesellschaft
und Kultur, die sich 1990, allgegenwärtig, zur Wut steigerte. In Lesungen
im ganzen Land, in Underground-Auditorien wie Wordland in
San Francisco, Green Mill Tavern in Chicago und dem Nuyorican
Poets Café in New York City, zerreißen die Stimmen der
neuen Poesie den tödlichen Schleier aus Angst und Schweigen, der sich
über Amerika gelegt hatte.
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Alle hier vorgestellten Dichter - Dominique Lowell,
Neeli Cherkovski und Alan Kaufman aus San Francisco, Patricia
Smith aus Boston, Luis J. Rodriguez aus Chicago und Paul
Beatty aus New York - entstammen Schauplätzen, die die Epizentren
der neuen Bewegung bildeten.
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Als Gruppe sind wir multikulturell in der Zusammensetzung,
antifaschistisch im Auftreten und somit repräsentativ für die
meisten Open Mike/Spoken Word-S zenen in Amerika. Auch teilen wir
bestimmte Erfahrungen und Kriterien, die typisch sind für die neue
amerikanische Poesie: Fast alle sind wir Veteranen des Poetry Slam
..., wir lesen häufig bei Open Mikes..., und wir haben eine
Anzahl Bücher in Kleinverlagen veröffentlicht, die unter unsersgleichen
und unseren Verehrern von Hand zu Hand und Küste zu Küste weitergegeben
werden.
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(Aus dem Nachwort von Alan Kaufman)
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Skinhead
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Sie nennen mich Skinhead, und ich hab meine eigene
Schönheit.
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Sie steht messer-gekritzelt auf meinem Rücken
in entzündeten zackigen Lettern,
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sie liegt darin, wie meine Augen vom Offenkundigen
wegschwappen.
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Ich sitze in meiner winzigen trüben Bude,
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auf der Kante des Betts, das von meinem zerfransten
Geruch durchwühlt ist,
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gleite mit Rasiermessern durch mein Haar,
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und zähle, auf wie viele Arten
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ich Blut näher an die Oberfläche meiner
Haut bringen kann.
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Dies sind die Pflichten der Gerechten, die Sitten
der Gesalbten.
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Das Gesicht in meinem Spiegel ist riesig und pockennarbig,
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rosa und prächtig zerschabt, mit Apfelbäckchen,
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voll von meiner eigenen Kotze.
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Vor zwei Jahren riß eine Maschine zum Lederschneiden
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meine Hand mit hinein und hielt sie fest,
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hackte drei Finger ab bis zur Wurzel.
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Ich hab nichts gespürt, bis ich runterblickte
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und einen davon auf dem Fußboden liegen sah
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neben meinem Stiefelabsatz,
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und ich hab nicht mehr gearbeitet seitdem.
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Ich sitze hier und beobachte, wie die Nigger mein
Fernsehen überschwemmen,
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wie Könige spazieren sie in meinem Kopf die
Bürgersteige auf und ab,
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als ob ihre fetten schwarzen Mamas sie Freiheit genannt
hätten.
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Meine Schultern sagen mir, daß das nicht in
Ordnung ist.
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Also gehe ich raus in die Sonne,
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wo meine Schönheit sie ihre Köpfe senken
läßt, oder in die Nacht, mit einem Bleirohr in meinem Ärmel,
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einem Rasiermesser in meinem Stiefel. Ich bin dazu
geboren, Ordnung zu schaffen.
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Es ist einfach meinen schweren Körper ins Dunkle
zu bringen
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und von einem Ort, wo nichts los war,
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in den Lichtkegel einer Straßenlaterne,
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das Rohr hoch über meinen Kopf erhoben.
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Es ist ein Jux, ihre Augen größer werden
zu sehen,
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rund und schimmrig wie von dem Jungen im Dschungelbuch,
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genau in dem Moment, wenn sie begreifen,
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das Rohr wird auf sie niedersausen, und ich habe
etwas,
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das ich dann gern zu ihnen sage, hör zu, ich
sag zu ihnen
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"Hey, Nigger, Abe Lincoln ist schon lange tot."
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Ich krieg ´nen Harten, wenn ich ihre Haut aufplatzen
höre,
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Ich bin dazu geboren, Ordnung zu schaffen.
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Dann kommt dieser Kerl von der Zeitung vorbei,
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ich war wohl ´n bißchen schlampig, als
ich diesem Schwulen in die Eier trat
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und er riß den Arsch auf und schrie herum.
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Dieser Reporter findet mich verkrochen im Bett,
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diese Fernsehlichter lecken mein Gesicht sauber.
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Immer die gleiche Scheiße.
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Krieg keinen Job, die Schwarzen und die Kanacken
haben sie alle.
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Warum ich nicht arbeite? Sieh dir meine Hand an,
du Arschloch.
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Nein, ich bin nicht in einer organisierten Gruppe,
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ich bin bloß ein weißer Mann, der seine
Rasse liebt,
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der für ein saubres Land kämpft.
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Manchmal bin ich allein. Manchmal zu dritt. Manchmal
30.
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AIDS wird sich um die Schwuchteln kümmern,
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dann wirds losgehen mit Weiße gegen Schwarze,
auf der Straße,
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dann werden es drei Millionen sein.
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Das hab ich ihm gesagt.
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Und er schreibt es auf
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und ich hab ´nen Auftritt wie so ´ne
Art Freak,
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als ob ich Hitler persönlich wär. So viel
Glück hab ich zwar nicht,
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aber ich hab meine eigene Schönheit.
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Sie steckt in meinen Stahlkappenstiefeln,
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in den harten Kanten meines rasierten Kopfs.
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Ich schau in den Spiegel und halt meine zermangelte
Hand hoch,
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nur der kleine Finger übrig, er steht irgendwie
ab,
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ich weiß, es ist der gottverdammte falsche
Finger,
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aber zum "Fuck you" reicht´s trotzdem.
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Ich balancier auf der obersten Sprosse der vollkommensten
Rasse,
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mein Gesicht ist rosa und prächtig zerschabt.
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Ich bin dein Kind, Amerika, dein Sohn,
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besoffen von meiner eigenen Kotze, und ich bin verdammt
ekelhaft schön.
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Und ich bin geboren
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und aufgewachsen
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nirgends als hier.
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Patricia Smith
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- Richard Anders
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