Foto: Bernd Oeburg 
Uwe Greßmann: Schilda Komplex 
Gedichte 
 
Edition qwert zui opü 
ca. 120 Seiten, 30 DM, 27,50 SFr, 219 ÖS 
ISBN 3-933149-03-7, Warengruppennummer 1 150 
aus dem Nachlaß von Uwe Greßmann 
herausgegeben von Andreas Koziol 
mit Zeichnungen von Christine Schlegel 
       
 
   
Uwe Greßmann verstarb am 30.10.1969 im Alter von 36 Jahren an einem Lungenleiden, das ihn sein Leben lang begleitete. Kindheit und Jugend fristete er zwischen Pflegeeltern, Waisenhaus und Sanatorium. Im Schatten solcher Lebensstationen fand er zur Dichtung und wurde, wie Adolf Endler, einer seiner ersten Entdecker, es nannte, zum "seltsamsten Lyriker der DDR in den Jahren nach 1960". Ahnend, daß ihm nicht viel Zeit vergönnt sein würde, und besessen von einem großen Entwurf schrieb Greßmann an seinem Werk, das er sich als eine Art von Comédie humaine in Versen vorgestellt haben mag. Als ihn die Krankheit schließlich einholte, hinterließ er neben dem bereits veröffentlichten "Der Vogel Frühling" einen Manuskripteberg aus Fragmenten, die den unterschiedlichsten Themenkreisen angehören und ihren großen Zusammenhang nur erratisch zum Aufschein bringen konnten. Es blieb genug zu bergen und veröffentlichen, Erstaunliches, Abwegiges, Vorausweisendes. Hier hatte ein Außenseiter mit dem Blick eines naiven Künstlers Anlauf zu neuen Gipfeln der Literatur genommen. Er schrieb wohl alles in allem an nichts geringerem als einer Geschichte der Erde, auf der sich der Mensch nach den Sternen dreht, die ihn vor allem zu Abgründen im Boden der Tatsachen führen. 
Greßmann hat mit seinen Gedichten in hochideologischer Zeit eine eigene Freiheit vom Vorurteil zu ganz anderer Weltanschauung umgemünzt. Seine Bilder sind Weltbildstücke, in denen sich eine Gesellschaft mit den Errungenschaften des Fortschritts wie im Fokus einer Camera obscura tummelt. Abgründe sind die Gründe, die der Dichter in sein Spiel gebracht hat, um den Reinfall einer Gesellschaft auf ihre eigenen Fundamentalismen gebührend zu bedenken. 
Nach Uwe Greßmanns Tod erschienen die Poesiebände "Das Sonnenauto" und "Sagenhafte Geschöpfe", beide heute sehr gesuchte Raritäten, sowie die Dokumentesammlung "Lebenskünstler". 
"Schilda", sein lyrisches Farcenbuch über die DDR-Gesellschaft der 60er Jahre, wird hier nun erstmals in seinem gesamten hinterlassenen Umfang veröffentlicht. Es mußte, wie so vieles andere auch, leider Fragment bleiben. Nichtsdestoweniger bleibt es ein einzigartiger Versuch, dem vormaligen DDR-Alltag mit allen Amtsschikanen nebst subversivem Volksgemurmel ein extraordinäres Narrendenkmal zu setzen. Vermutlich wird der Autor zu seinen Lebzeiten an die Veröffentlichung dieses Versgemäldes der seltsamen Sitten im Staate nicht ernsthaft geglaubt haben. Zu deutlich lesen sich Spuren von begrabener Hoffnung in der burlesken Radikalität, mit der sich Schildas Zeilen in den sozialistischen Bildflächen von damals vertieft zeigen. Diese eine Hoffnung zumindest kann heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, wieder ausgegraben werden und mit ihr, wie schon erwähnt, ein guter Werkteil des seltsamsten und eigensinnigsten Lyrikers der hiesigen Landeshälfte in den Jahren nach 1960. 
 
 
 
 
Schildas Gesindel 
 
Die Journaille sitzt am Mikrophon 
Die Eisheilige 
Und hetzt das Eisheiligenvolk zum Krieg 
Gegen die blühenden Obstbäume auf 
Und lästert: Ihr kalten Bauern! Was für Schweine 
Pflügen da mit der Schnauze den Acker? 
Habt ihr keinen anderen Pflug? 
 
Die Journaille sitzt am Mikrophon 
Die Eisheilige 
Und bläst das heilige Volk des Eises 
Mit frostiger Stimme an: 
Diesen Krieg gebe es soviel Erfrorene 
Unter den Blüten und Obstbäumen 
Und lästert so lieblos ach: Ihr kalten Bauern: Was für Schweine 
Pflügen da mit der Schnauze den Acker? 
Habt ihr keinen anderen Pflug? 
 
Die Journaille sitzt am Mikrophon 
Die Eisheilige 
Und hetzt und bläst 
Und das Volk der Eisheiligen 
Läßt Bäume Bäume sein - 
Wieviel sich auch die Laut(en)sprecher mundlos aufpusten - 
Und lästert so lieblos ach: Ihr kalten Bauern: Was für Schweine 
Die Erde auch mit der Schnauze pflügen 
Was wäret ihr ohne sie. 
 
 
 
Richard Anders - Sascha Anderson - Walter Aue - Thomas Böhme - Barbara Bongartz - Alexander Brener - Gesualdo Bufalino - William Burroughs - Guido Ceronetti - William Cowper - John Donne - Paul Durcan - Elke Erb - Gerhard Falkner - Gino Hahnemann - Gerard Manley Hopkins - Dzévad Karahasan - Bob Kaufman - Andreas Koziol - Heiner Link - Frank-Wolf Matthies - Oliver Mertins - Bert Papenfuß - A. R. Penck - Jürgen Ploog - Jacques Roubaud - Wolfgang Schlenker - Dieter Schlesak - Uve Schmidt - Kiev Stingl - Jáchym Topol - Franck Venaille - Keith Waldrop - Paul M. Waschkau - Ulrich Zieger