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Uwe
Greßmann verstarb am 30.10.1969 im Alter von 36 Jahren an einem Lungenleiden,
das ihn sein Leben lang begleitete. Kindheit und Jugend fristete er zwischen
Pflegeeltern, Waisenhaus und Sanatorium. Im Schatten solcher Lebensstationen
fand er zur Dichtung und wurde, wie Adolf Endler, einer seiner ersten Entdecker,
es nannte, zum "seltsamsten Lyriker der DDR in den Jahren nach 1960". Ahnend,
daß ihm nicht viel Zeit vergönnt sein würde, und besessen
von einem großen Entwurf schrieb Greßmann an seinem Werk, das
er sich als eine Art von Comédie humaine in Versen vorgestellt haben
mag. Als ihn die Krankheit schließlich einholte, hinterließ
er neben dem bereits veröffentlichten "Der Vogel Frühling" einen
Manuskripteberg aus Fragmenten, die den unterschiedlichsten Themenkreisen
angehören und ihren großen Zusammenhang nur erratisch zum Aufschein
bringen konnten. Es blieb genug zu bergen und veröffentlichen, Erstaunliches,
Abwegiges, Vorausweisendes. Hier hatte ein Außenseiter mit dem Blick
eines naiven Künstlers Anlauf zu neuen Gipfeln der Literatur genommen.
Er schrieb wohl alles in allem an nichts geringerem als einer Geschichte
der Erde, auf der sich der Mensch nach den Sternen dreht, die ihn vor allem
zu Abgründen im Boden der Tatsachen führen.
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Greßmann hat mit seinen Gedichten in hochideologischer
Zeit eine eigene Freiheit vom Vorurteil zu ganz anderer Weltanschauung
umgemünzt. Seine Bilder sind Weltbildstücke, in denen sich eine
Gesellschaft mit den Errungenschaften des Fortschritts wie im Fokus einer
Camera obscura tummelt. Abgründe sind die Gründe, die der Dichter
in sein Spiel gebracht hat, um den Reinfall einer Gesellschaft auf ihre
eigenen Fundamentalismen gebührend zu bedenken.
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Nach Uwe Greßmanns Tod erschienen die Poesiebände
"Das Sonnenauto" und "Sagenhafte Geschöpfe", beide heute sehr gesuchte
Raritäten, sowie die Dokumentesammlung "Lebenskünstler".
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"Schilda", sein lyrisches Farcenbuch über die
DDR-Gesellschaft der 60er Jahre, wird hier nun erstmals in seinem gesamten
hinterlassenen Umfang veröffentlicht. Es mußte, wie so vieles
andere auch, leider Fragment bleiben. Nichtsdestoweniger bleibt es ein
einzigartiger Versuch, dem vormaligen DDR-Alltag mit allen Amtsschikanen
nebst subversivem Volksgemurmel ein extraordinäres Narrendenkmal zu
setzen. Vermutlich wird der Autor zu seinen Lebzeiten an die Veröffentlichung
dieses Versgemäldes der seltsamen Sitten im Staate nicht ernsthaft
geglaubt haben. Zu deutlich lesen sich Spuren von begrabener Hoffnung in
der burlesken Radikalität, mit der sich Schildas Zeilen in den sozialistischen
Bildflächen von damals vertieft zeigen. Diese eine Hoffnung zumindest
kann heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, wieder ausgegraben
werden und mit ihr, wie schon erwähnt, ein guter Werkteil des seltsamsten
und eigensinnigsten Lyrikers der hiesigen Landeshälfte in den Jahren
nach 1960.
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Schildas Gesindel
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Die Journaille sitzt am Mikrophon
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Die Eisheilige
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Und hetzt das Eisheiligenvolk zum Krieg
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Gegen die blühenden Obstbäume auf
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Und lästert: Ihr kalten Bauern! Was für Schweine
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Pflügen da mit der Schnauze den Acker?
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Habt ihr keinen anderen Pflug?
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Die Journaille sitzt am Mikrophon
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Die Eisheilige
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Und bläst das heilige Volk des Eises
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Mit frostiger Stimme an:
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Diesen Krieg gebe es soviel Erfrorene
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Unter den Blüten und Obstbäumen
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Und lästert so lieblos ach: Ihr kalten Bauern: Was für Schweine
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Pflügen da mit der Schnauze den Acker?
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Habt ihr keinen anderen Pflug?
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Die Journaille sitzt am Mikrophon
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Die Eisheilige
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Und hetzt und bläst
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Und das Volk der Eisheiligen
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Läßt Bäume Bäume sein -
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Wieviel sich auch die Laut(en)sprecher mundlos aufpusten -
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Und lästert so lieblos ach: Ihr kalten Bauern: Was für Schweine
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Die Erde auch mit der Schnauze pflügen
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Was wäret ihr ohne sie.
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