Gefährliche Serpentinen 
 
Edition Druckhaus 
ca. 340 Seiten, 17,50 €, 32,50 SFR
ISBN 3-933149-01-0, Warengruppennummer 1 111 
rumänische Lyrik der Gegenwart, ausgewählt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter Schlesak, übertragen von Werner Söllner, Oskar Pastior, Ernst Wichner, Gerhard Csejka, Lioba Happel, Rolf Bossert, William Totok, Franz Hodjak, Anemone Latzina, Joachim Wittstock, Dieter Schlesak und vielen anderen, mit Zeichnungen von Pomona Zipser 
   
 
Daß Rumäniens Dichter bisher so wenig bekannt geworden sind, liegt und lag vor allem an den bisherigen Übersetzungen, die dem lyrischen Sprachniveau ihrer Zeit nie gerecht geworden sind, was auch Hans Magnus Enzensberger im Vorwort zu seinem "Museum der modernen Poesie" betont, wo Rumänien fehlt. 
Diese Sammlung, wo über dreißig rumäniendeutsche Lyriker durch ihre Übersetzungen die rumänischen Kollegen einem deutschen Publikum zugänglich machen, ist eine Art Hommage der Ausgewanderten an die rumänische Dichtung. 
Die Anthologie stellt vier Generationen vor: die sogenannte Generation 60, die 1960 zu veröffentlichen begann, dann die Generationen 70, 80 und 90. Doch werden auch die Kraftlinien der Einflüsse zurückverfolgt, ältere Autoren der rumänischen Avantgarde, die übrigens auch Paul Celan beeinflußt hatten, ebenfalls aufgenommen. 
Im Zentrum steht die "Generation 80", sie garantiert heute einen neuen Stil auf der Höhe der Zeit, eine besondere, rumänische Art der "Postmoderne", die kein papierenes Spiel mit Versatzstücken ist, sondern eine leidgeprüfte, ironisch-sarkastische Wiederaufnahme der im Westen zur Mode erstarrten Form. In der Mentalität sind diese Vierzigjährigen nicht weit von ihren berühmten Kollegen Emil Cioran und Eugène Ionescu entfernt, die vom "Walachischen Nichts" sprachen und das Absurdistan der rumänischen Zustände (vor, während und nach der Diktatur) zum radikalen Bruch, zur negativen Mystik und zum Schwarzen Humor inspiriert hat. 
Nachdem nun die alte Grenze und auch die alte innere und äußere Zensur überwunden wurden, wird eine ganz neue, viel schwierigere und fast unüberwindliche Grenze im Bewußtsein und in der Sprache erkannt! Wichtig auch, daß Mircea Eliades Nachfolger auf dem Lehrstuhl in Chicago, Ioan Petre Culianu, gleichaltrig mit den Achtzigern und mit einigen von ihnen befreundet, eine orginelle Deutung des Postmodernismus aus der Perspektive theologischer Exegese einbrachte, die die rumänische Literatur beeinflußt hat: daß wir Gefangene eines verinnerlichten Zwanges sind, Welt so zu sehen, herzustellen, wie es uns eingebleut worden ist, samt den "Kulturzitaten", die uns nicht loslassen. Die Generation 80 versucht, der "Literathure" zu entfliehen. "Als Leser kommt nur noch der Tod in Frage" (Mircea Cartarescu). 
Doch kein Import-Stil wird kultiviert, auch wenn starke amerikanische und französische Tel-Quel-Einflüsse zur Brillanz verholfen haben, denn Ausgangspunkt ist das Totalitäre, seine falsche Pathetik und sein Kitsch. 
Die Generation 80, so einer ihrer Poeten, wird von der Wirklichkeit "hypnotisiert", "von der Unmenge natürlicher Poesie, die ihr entströmt". Diese Dichtung sei "überraschend irdisch", und die "Banalität empfange täglich Visiten der Poesie"; das "Weltall" sei städtisch geworden, und die Ekstase "aus den Innenräumen auf die Straße hinausgetreten", keine "metaphysischen Stoßseufzer" mehr, es gäbe "neue Masken" und Gefäße für das nicht direkt Sagbare, die berühmte "morgendliche Kaffeetasse", "die Zeitung", der "Einkauf", anstatt "sphärenmusikalischer Solfeggien", die Mülltonnen auseinanderzunehmen. Das "Wirkliche" sei "zur Offenbarung geworden". Und dies vielleicht auch, weil die genaue Wahrnehmung dieses Wirklichen von der Diktatur gefürchtet wurde, ihr ganzes Parolenarsenal und die ideologischen Abgedroschenheiten dienten nur zur Täuschung und zur Verhüllung. 
Auffallend ist die "Freimütigkeit" dieser Generation, die unbelastet von Zwängen und Ängsten offen und selbstverständlich auch der Securitate gegenübertreten konnten, ja Forderungen stellten. Eigentlich war der Geist dieser Generation schon "posttotalitär" - luzide, skeptisch, ironisch, der Glaube an große Entwürfe, Ideen, Utopien war zerbrochen. Ironie, Mündlichkeit, Humor, das Komische, das Absurde, der Alltag zieht sie an. Das alte "Walachische Nichts" der Vergeblichkeit kommt zum Vorschein. Und das Zufällige, ja der gelebte Moment als Mirakel, eine Art Lupe, "monströser Blick" auch, der alles verfremdet, Schockerlebnisse ermöglicht, im Banalen versteckt, das Wesentliche entdeckt. 
aus dem Nachwort von Dieter Schlesak 
 
 
 
 
Mircea Cartarescu: Der Westen 
Der Westen hat mir den Mund gestopft. 
Ich habe New York und Paris gesehen, San Francisco und 
Frankfurt 
ich war an Orten, von denen ich nicht zu träumen wagte. 
Ich kehrte mit einem Stapel Fotos zurück 
und mit dem Tod in der Brust. 
Ich hatte im Glauben gelebt, daß ich etwas bedeute, daß mein 
Leben 
etwas bedeutet. 
Ich hatte Gottes Auge gesehen, wie es mich durchs Mikroskop betrachtete 
meine Zuckungen auf der Lamelle. 
Jetzt ist aller Glaube dahin. 
Ich war gerade gut genug für eine idiotische Stabilität, 
für ein tiefes Vergessen, 
für einen einsamen Frauenschoß. 
Ich flanierte durch Orte, die heute verschwunden sind. 
Ach, meine Welt ist versunken! 
Meine Welt gibt es nicht mehr, 
meine elende Welt, in der ich etwas bedeutet hatte. 
Ich, Mircea Cartarescu, bin in der neuen Welt niemand 
es gibt hier 1038 Mircea Cartarescus 
und Menschenwesen, die 1038 mal besser sind 
es gibt Bücher hier, die besser sind als alles, was ich je gemacht 
habe 
und Frauen, die sich einen Dreck darum scheren. 
Ein Sprung im pragmatischen Ei, und schon ist Gott hier 
in seiner ureigenen Schöpfung, ein schick gekleideter Gott 
in schönen Städten, an wundervollen Herbsttagen 
und gleichsam zarte South-Virginia-Nostalgie in Dorins 
Straßenkreuzer (Countrymusic aus den Boxen) 
Ich sehe jetzt, wie eng meine Grenzen sind, 
und wie eng die Grenzen der Literatur. 
Die Literatur gibt es nur noch, um zu verkünden, 
daß es die Literatur nur noch deshalb gibt: um zu verkünden 
daß ... Ich aber habe den Sears Tower gesehen 
und aus dem Sears Tower weit unten Chikago im grünen Nebel 
 
Die Poesie aber ist ein Zeichen von Unterentwicklung 
ebenso, wenn man seinem Gott ins Auge blickt 
obwohl er sich nie gezeigt hat. 
Ich sah Flipper und Buchhandlungen und konnte den Unterschied nicht erkennen 
und ich begriff, daß die Philosophie Entertainment ist 
und die Mystik Showbiz 
Die Kultur ist Oberfläche und es gibt überhaupt nur Oberfläche 
die aber ist komplexer als jede Tiefe. 
Was wäre ich dort? Ein Entzückter, ein bis zum Wahnsinn 
glücklicher Mensch 
der mit seinem Leben am Ende ist 
mit seinem definitiv abgefuckten Leben wie der Wurm in der 
Kirsche 
der sich auch etwas Besseres dünkte 
ehe er ans Licht kroch und den Dreck neben sich sah 
(mein Dreck, meine Gedichte) 
Ich habe Menschen gesehen, denen das Abtreibungsgesetz 
wichtiger war als der Zerfall der Sowjetunion 
ich habe hohe und blaue Himmel gesehen voller Flugzeuge und 
ihren Lichtkegeln 
und ich habe das Gebrüll der viertausend Universitäten erlebt 
ich erstieg den Eiffelturm über den Treppenaufgang 
und fuhr ins Centre Pompidou durch die Plexiglasröhre 
und in Iowa City war ich im Fox-Head zu Gast ... 
Ich plauderte in Ludwigsburg mit Hassan und Bradbury 
und Grass und Barth und Federman über die Postmoderne 
wie der Verurteilte mit seinem Henker schwatzt 
ich hielt das Sausen des Fallbeils, 
das meinen Kopf vom Körper trennt, auf Tonband fest 
Es war mir zum Heulen im Luxus von Monrepos: 
Wie ist das möglich? Wieso sind wir vergeblich geboren? 
Weshalb schlagen wir uns mit Vadim und den Nationalisten 
herum? 
Warum können wir nicht endlich mal leben? 
Wieso atmen wir jetzt, da wir endlich leben könnten 
schon wieder den sauren Geruch der Mülltonnen ein? 
Postmoderne und Biedermeier 
Dekonstruktion und Tribalismus 
Pragmatismus und Nabelschnüre 
und das Leben, das anderswo ist ... 
Ich habe San Francisco gesehen, die Schiffe auf dem blauen Golf 
und weit draußen im Ozean die bewaldeten Inseln 
im Pazifik, wenn du dir das vorstellen kannst! 
Ich habe meine Hände ins Wasser des Pazifik getaucht »thanking 
the Lord 
for my fingers». 
Irrsinniges Fernweh überkam mich. 
Und in der berühmten Buchhandlung Ferlinghettis (es gibt sie 
tatsächlich!) 
wie wenn man bewußt in den eigenen Traum oder in ein Buch 
einträte ... 
Einer, der hundert Jahre lang tiefgefroren war, 
öffnet die Augen und entscheidet sich fürs Sterben. 
Was er gesehen hat, war zu schön und zu traurig. 
Denn er kannte da keinen und an den Fingern eiterten die Nägel 
und seine Zähne waren über die Maßen verrottet 
und im Kopf 
hatte er allerlei unnützes Zeug 
und alles, was er je unternommen hatte, 
war von der Substanz her bestenfalls halbe Windstärke gewesen. 
Ein Mann auf einer fernen Insel hatte 
eine Nähmaschine aus Bambus erfunden 
und hielt sich für ein Genie 
denn niemand von den Eingeborenen 
hatte sich je etwas Ähnliches ausgedacht und als die Holländer 
kamen 
belohnten sie ihn für seine Erfindung 
mit einer elektrischen Nähmaschine. 
("Danke schön", sagte er und entschied sich fürs Sterben.) 
Ich finde meinen Platz nicht, ich bin nicht mehr von hier 
und kann von dort keiner sein. 
Die Poesie aber? Ich fühle mich als letzter Mohikaner, 
lächerlich wie Denver, der Dinosaurier. 
Die beste Poesie ist die, die erträglich ist, 
die nur erträglich ist und sonst nichts. 
Wir haben zehn Jahre lang gute Poesie gemacht, 
ohne zu wissen, wie schlecht die Poesie war, die wir machten. 
Wir haben große Literatur gemacht und begreifen jetzt, 
daß sie gerade deshalb nicht über die Schwelle kommt, 
weil sie groß ist, 
zu groß, erstickend in ihrem Fett. 
Auch dieses Gedicht ist kein Gedicht, 
denn nur was kein Gedicht ist, 
kann noch als Poesie bestehen, 
nur was nicht Dichtung sein kann. 
 
Der Westen öffnete mir die Augen, als ich mit der Stirn an 
den Türrahmen prallte 
ich hinterlasse anderen, was bis heute mein Leben war. 
Mögen andere glauben, woran ich geglaubt. 
Mögen andere lieben, was ich geliebt. 
Ich kann nicht mehr. 
Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr. 
 
(gekürzt) 
übertragen von Gerhardt Csejka

 

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