Foto: Isolde Ohlbaum 
Jacques Roubaud:
Etwas Schwarzes / Quelque chose noir
Gedichte
mit Zeichnungen von Michael Voges
übertragen von C.A.Rösler, Britt Bartel
und Rainer Schedlinski
ca. 160 Seiten;

Edition Galrev;
ISBN 3-933149-24-X, Bandnummer: 58
15 € / 27,50 SFR
 

Die Vielfalt der Welten Lewis 
 
J. Roubaud wurde 1932 in Caluire (Rhone) geboren und lehrt Mathematik an der Universität von Paris. Er ist Mitgbegründer der Zeitschrift "Change" und Theoretiker der Gruppe action poétique. Gemeinsam mit Octavio Paz, Sanguineti und Tomlinson schrieb er 1971 das erste europäische mehrsprachige Renga-Gedicht. 
Er übersetzte alte japanische und zeitgenössische amerikanische Dichter. 

Kleine Auswahl seiner Veröffent- lichungen: 
E (1967), 
Trente et un au cube (1973), 
Tombeau de Pétrargue (1975), Autobiographie, Chap. X (1977), 
La vieilles d´Alexandre (1978), Dors, précéde de Dire la poésie (1981), 
Quellque Chose noir (1987), 
La belle Hortense (1986), Deutsch: die schöne Hortense (Hanser 1989). 


Jacques Roubaud, Dichter, Mathematiker und Denker, ein renommierter und einzigartig schöpferischer Techniker des Wortes wie der Logik, verstummte im Januar 1983 infolge des Verlustes seiner Frau. Alix Cleo Roubaud, eine anerkannte Fotografin und unersetzliche Gefährtin des Autors,
starb mit 31 Jahren nach langer Krankheit an einer Lungenembolie. Zum Zeitpunkt ihres Todes arbeitete sie an einer Studie zu Wittgenstein, die sie jedoch nicht vollenden konnte. Unter den fotografischen Arbeiten, die sie zum Text gefertigt hatte, befanden sich vier als Serie gestaltete Motive, denen die Fotografin den Titel „Si quelque chose noir“ (Wenn etwas Schwarzes) zugedacht hatte. Zu sehen war eine Frau, nackt, in einem schattenreichen Raum, allein von dem Lichteinfall durch ein Fenster beleuchtet. In den folgenden Sequenzen der Serie verschwindet dieser Körper immer mehr im Dunkel des Raumes. Es handelt sich um Variationen über den Raum und über den Tod, umschrieben als ein allmähliches Schwinden der Konturen in immer schwächer werdendem Licht, als Ausdruck eines herannahenden Nichtseins.

Das Schweigen Roubauds dauerte beinahe 30 Monate an. Als er im Juni 1985 das Schweigen endlich bricht, zitiert er seine Frau im Titel seines Werkes als eine Art Echo aus dem Nichts. Roubaud: Sie war Fotografin, dieses Buch, das ihr gewidmet ist, ist der Fotografie, der Kunstform, die mir mit Abstand am meisten zusagt, sehr nahe.

Das Wenn aus der von ihr für die genannten Bilder gewählten Formulierung jedoch ist verlorengegangen; durch den Tod ist aus der Möglichkeit Unumkehrbares, absolutes Nichts geworden, das Roubaud sich in den Monaten des Schweigens aufmacht, akribisch zu ergründen. Der Mensch und Dichter der 30 auf diesen Tod folgenden Monate jedoch ist zunächst schlicht gelähmt, nicht einmal fähig, einfache Worte auszusprechen, er kann weder die sich im Raum befindlichen Gegenstände berühren noch einen Gedichtband öffnen oder ein Telefonat annehmen. Diesen Zustand erfaßt er später als Dichter mit der nüchternen und doch so lebensnahen Konsequenz des Technikers Roubaud, der wie kein anderer das Sein auch mathematisch zu begreifen versucht. Er konfrontiert die Dichtung höchstselbst auf direkteste Art mit dem Tod, behauptet dieses als Negation lyrischen Ausdrucks schlechthin. Roubaud: Aphasie. Jakobson sagt, daß die Aphasie die Sprache in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Aufnahme auffrißt. Die jüngsten Lautbildungen verschwinden als erste. Das gleiche stelle ich mir beim Vers vor. Die Verse verschwinden in einer ebenso aphasischen Reihenfolge, als wenn die Dichter ihre Gebäude Stück für Stück rückwärts auflösten.

In den Augen des Logikers Roubaud kann das Wort, das naturgemäß Leben grundsätzlich repräsentiert, vor dem Tod unmöglich bestehen, es muß vor ihm kapitulieren. Elegische Klagelieder oder tröstende Beschwörungen sind für ihn trotz aller Trauer unvorstellbar. Statt dessen thematisiert er, was wirklich ist: das Nichtsein, die Leere, und ergründet sie mit der ihm eigenen Leichtigkeit, einer kristallklaren Sprache, mit der größtmöglichen Aufrichtigkeit und Radikalität. 
 


1983: Januar 1985: Juni
Der rhythmische Tonfall des Worts entsetzt mich.
Es gelingt mir nicht, ein einziges Buch zu öffnen, das Gedichte enthält.
Die Abendstunden sollten annulliert werden.
Erwache ich, ist es schwarz: immer.
In Hunderte schwarzer Morgen habe ich mich geflüchtet.
Ich lese unbedenkliche Prosa.
Die Zimmer sind unberührt geblieben: die Stühle, die Wände, die Fensterläden, die Kleider, die Türen.
Ich schließe die Türen als ob die Stille.

Das Licht mich überwältigte durch die Ohren. 
 

Jacques Roubaud:
Die Vielfalt der Welten Lewis
 
(La Pluralité des mondes de Lewis) 
Gedichte - zweisprachig, übertragen von Carla A. Rösler, Britt Bartel und Rainer Schedlinski, mit Zeichnungen von Michael Voges 
ca. 180 Seiten;

15 €, 27,50 SFR, ISBN 3-910161-63-4 

 

Der Autor Claude Roy sandte 1967 ein Telegramm in alle Himmelsrichtungen: "Poesie nicht tot + stop + Roubaud folgt". Seit seinem ersten Band und einer Glanzstunde französischer Dichtung, hat Roubauds ununterbrochene Suche nicht einen Augenblick unseren Enthusiasmus von 25 Jahren enttäuscht. Von Buch zu Buch haben wir ihn niemals am selben Platz, immer aber auf einem der ersten gesehen, schreibt Claude Roy an anderer Stelle.

"Die Vielfalt der Welten Lewis" ist Roubauds neuester Band, der an "Etwas Schwarzes" anschließt. Ein erstaunliches und ungewöhnlich subtiles Buch, in welchem der Logiker versucht oder vorgibt, der bedrängten Seele zur Hilfe zu kommen. Noch immer im Schmerz um den Verlust des geliebten Wesens sucht der Autor, selbst Professor der Mathematik und ein Freund Gödels und Wittgensteins, Zuflucht in der logischen und von dem amerikanischen Mathematiker David Lewis in On the Plurality of Worlds logisch dargelegten Möglichkeit der Existenz andere Universen in einem Anderswo oder Gegenüber der Mauer des Todes. Nach der Theorie möglicher Welten, 1710 von Leibnitz in seinem Essay der Theodizee begründet und von David Lewis weiterentwickelt, ist unser reales Leben nichts als eine zwingende Konsequenz undemonstrierbarer Vorschläge, und es genügte deshalb, von einer anderen Hypothese auszugehen, um eine andere Welt möglich zu machen.

Weit entfernt jedoch von religiösen Angeboten schlägt Roubaud nicht jene körperlose Wiedervereinigung in einem spirituellen Jenseits vor. Er spielt mit der Vorstellung, das Schicksal könne hintergangen werden, und der Tod, wenn man ihm gegenübertritt, könne für einen Moment überzeugt werden, daß er die Partie verlöre. Roubauds Texte lassen an die formalistischen Arbeiten eines Technikers und Erfinders denken, zeigen den spielerischen und neugierigen Oulipoten, den geistreichen Ingenieur der Wortkünste und der Variation von Regeln und Stilen. Doch das, was Roubaud sucht, seitdem er mit den Werkzeugen des Mathematikers in die Poesie eingedrungen ist und mit den Mitteln des Dichters in die Mathematik, ist immer wieder die paradoxe Präsenz des Abwesenden, die die Toten seßhaft werden läßt und auf die Frage, wo der Sieg des Todes sei, gelangt er zu der Antwort: Nirgends.
 
Rainer Schedlinski 
 

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