Foto: Privat
Astrid Schleinitz: Erde Farben Licht
Prosagedichte
mit Fotografien der Autorin
etwa 160 Seiten;

12,50 €, 23 SFR
ISBN 3-933149-17-7, Bandnummer: 56
 
Eine Reise, ein Abschied, ein Anfang: von der ersten Seite an leitet der Text in eine Region, in der der Zusammenhalt der Wahrnehmungen mit den Worten brüchig ist und immer wieder aufs Neue entstehen muß. Diese Region ist doppelgesichtig: zum einen handelt es sich um eine
ostdeutsche Kleinstadt mit eigener Berümtheit, zum anderen ist es ein Geflecht aus Sinneseindrücken und Gedanken, die sich vor allem um Farben und um die Zeit vor 200 Jahren drehen. Die Protagonistin sieht Farben, sie sieht das, was an den Rändern herausquillt, was "von den Menschen nicht bedacht" auch noch da ist und sich als weit weniger wichtig erweist als es sein soll. Nähe und Ferne, Enge und Unendlichkeit: wenn 
die Farben getreu dem Motto zu den eigentlich handelnden der Geschichte werden, gerät scheinbar Bekanntes in ein neues Licht.
Der Text ist dreiteilig und orientiert sich an den Jahreszeiten Herbst, Winter und Frühling. Der Sommer fehlt, wie überhaupt in den knappen, meist mit einfachen Worten komponierten Textstücken viel Luft  und leerer Raum zu finden sind, die durchaus als Raum für eigene Gedanken der Leser gedacht sind. Die Bewegung, ein langsames Vorwärtsschreiten, endet mit einem ironischen Aufbruch: der Koffer schwebt davon, der Erdenrest stolpert ihm nach.
Der Ort: Weimar, die Zeit: Mitte der 90er Jahre, die Autorin: eine Lyrikerin, die lange am Bodensee lebte und zufällig nach Weimar kam, an diesen Ort, von dem alle denken, sie wüßten schon, aber was wissen sie wirklich?

 

Goethe / Erzählung

Als er sich darüber klar wurde, daß er in der Stadt und ihrer Umgebung würde den größten Teil seines Lebens zubringen müssen, suchte er sich einen Ort im Freien, nahe am Fluß. Dort hatte ihm der Freund ein Haus geschenkt, von dem aus er die Wiesen, den Nebel und die Illusion von Einsamkeit betrachten konnte. Wenn es dämmerte, spielte er mit sich selbst ein Spiel, das darin bestand, daß er sich alle Personen, mit denen er im Leben zu tun hatte, in Nebel aufgelöst als mythologische Gestalten vorstellte. Vor allem verwandelte er die Frauen in Flußnymphen und verlieh ihnen ein unklares reizendes Vermögen zur Güte, um die er sie wiederum in seinen Versen bitten konnte, so wie in mythologischen Zeiten die Fremdlinge das Recht hatten, im Namen der Götter um eine gute Aufnahme zu bitten. Auf diese Weise verwandelte sich ihm die Nähe zur Ferne und blieb.


Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger