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- Wolfgang Schlenker
- RORSCHACHFAUNA
- mit Bildern von Tanja Zimmermann
- 96 Seiten, 10 € /19 SFR
- ISBN 3-910161-34-0
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Alias Augen
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Der die zwei Zyklen Archetypen und Zugeständnisse vereinende Band Wolfgang Schlenkers belebt Hoffmannsthalsche Elementargeister wie im Insektenschaukasten. Der Charme und der Witz dieser Texte liegt, so scheint es, ganz und gar außerhalb ihrer selbst, als entstünde aus der übergenauen Beobachtung |
eine Vergrößerung, die das Objekt in seinem “Hektoplasma” sichtbar macht und in einer geradezu nachapokalyptischen Leere konserviert, hinter der unsere täglichen Katastrophen verblassen.
Es liegt in der Natur dieser Erzählgedichte, daß sie sich auch um den leblosesten Gegenstand ranken, um seine Form anzunehmen, um ihn zu verwandeln, und also, um nicht vordergründig das Ich, sondern dessen Möglichkeiten und Mutationen unter Naturschutz zu stellen.
Rainer Schedlinski

- gestöber
- scheitern sagt man aber
- die flaggen klappern im regen
- auch so hier am fluß wo regen
- wie eine beschleunigung
- kommt dunkel verdüstert
- und undurchdringlich fällt
- und steht wie einer mauer
- graue wand die wandert
- und in den feldern auf der
- anderen seite schon schneit
- und bald wieder aufgehört
- haben wird gleichmäßig
- wie anfang und ende und
- warten verlangsamt scheitern
- sagt man redend ein irrtum
- während man zusehen kann
- wie die augen nicht besser
- werden aber es hat sich
- gelohnt auf beiden seiten
- einer wand wenigstens gewartet
- zu haben die der wind
- unter abschwächung allerdings
- weiterbläst und die die
- bunten fahnen einmalig her
- vortreten läßt wie leuchtende
- markierungen die sich vor dem
- wechselnden niederschlag am
- horizont ein wenig ausruhen.
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Alias Augen
- Gedichte von Wolfgang Schlenker
- mit Bildern von Tanja Zimmermann
mit fossilen Abbildungen
- ca. 112 Seiten
10 €/ 19 SFR, ISBN 3-910161-92-8
- Bandnummer: 48

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Schon oft ist in der Not etwas erfunden worden, wenn einer über den Inhalt eines Lyrikbandes reden sollte. Was aber soll man auch einen Gedichtband sagen, der noch so gefuchst und festgefügt ist wie der von Wolfgang Schlenker - daß er kunstvoll sei, solide? Wer das triviale, direkte bevorzugt, wer Slam, Trash |
- und Social Beat sucht, wo auch Schlenker manchmal zugemeindet wurde, wird diese Texte vielleicht für etwas blutarm halten, sie mögen ihm staubig, fossil oder gemeißelt erscheinen. Doch wozu brauchen Fossilien Blut. Die einen, die ihr längst substituiertes Dasein in der bloßen Form verlängern. Während die anderen über ihre täuschend echte Gestalt scheinen ein Leben sich erst verschaffen zu wollen.
- Auf so zweifach rätselhafte Weise existieren auch die Texte Wolfgang Schlenkers. Mal wirken sie wie sorgsam aufbewahrte Relikte einer verblaßten Zeit oder vergangenen Lebens, mal, als entstammten sie nicht dieser Welt und als bedienten sie sich nur unseres Blicks, um in diesem Moment erst lebendig zu werden.
- Wenngleich Wolfgang Schlenker diesen neuen Gedichtband mit seinen Fugen und Intermezzi, Partituren und Improvisationen, seinen Liedern und seiner Folklore dem Gehör widmete, so hat er dessen Zeilen doch dem Ohr nicht unbedingt entliehen, und er spart auch wahrlich nicht mit Bildern. Vielleicht versucht er auf diesem phonetischen Erfahrungsweg, im dunklen Gang entlang der großen Ohrentreppe sozusagen, den tropischen Täuschungen zu entgehen, weil er als Mann des Wortes seinen Augen nicht traut und weil er um die buchstäbliche Farce der Bilder ebenso weiß, wie er ihnen gleichermaßen erlegen ist.
- Und obwohl seine Texte so dezidiert erscheinen, als seien sie Produkt reinen Geistes, offenbart gerade hier die lyrische Betrachtung ihre Überlegenheit, indem sie sich in etwas Unersetzbares verwandelt. Als wollte er uns eine Geschichte erzählen, uns aber nicht aufhalten mit den Nebensächlichkeiten ihrer Sachverhalte, läßt er Szenen einer tragikomischen, zerstreuten und trutzigen Alltagswelt an unserem Auge vorbeiziehen, wie ein den Tagebüchern entrissener August, in dem keiner sich selbst erkennt, so wirklich wird alles um ihn herum.
- Die unmittelbare bildhafte Sprache, die Methode des Abfilmens und Schneidens dieser Bilder, offenbart sich auf einer unsichtbaren, aber darum auch unantastbaren Ebene, als Gottes-Blick, wie er uns durchs Mikroskop beobachtet; unser Zucken auf der Lamelle.
- SIR

- nächste instanz
- so traurig es ist auf den stufen der treppe
- zu sitzen es ist auch nicht sehr bequem
- die urteile tanzen dort auf und ab wie beamte
- oder angestellte die wie beamte aussehen
- ordner tragen sie unter dem arm aber barfuß
- sind es riesen in ihren bordeauxroten
- sakkos mit den karierten krawatten alte einäugige
- kolosse ihr speichel frißt kleine krater
- ins linoleum der flureauf den treppenstufen
- tanzen die urteile und machen auf dem nächsten
- absatz kehrt sie nehmen sich in acht
- sie wissen daß sie machtlos sind
- gegen die unruhig und aus dem stehgreif
- vorgebrachten argumente der autodidakten
- sie wären ihnen ausgeliefert
- wie die unsichtbare
- bibliothek dem rezitator
- worauf warten sie noch
- autistisch schaukelnd und mit wachsenden ohren?
- auf die gebäudereinigung ein schwebendes verfahren
- oder den postboten der die grundgesetzänderung
- bringt? vielleicht ruhen sie sich auch nur aus
- wenn sie aufwachen werden die wände jedenfalls weiß
- sein wie ärzte die eine endgültige
- diagnose stellen ein überfordertes spöttisches weiß
- das sich zum eigenen spott in der überforderung
- eingerichtet hat ihr grinsen wird wärtern und zeugen
- gleichermaßen sonderbar erscheinen
- und draußen in den bewohnten fenstern der mietshäuser
- soll umsonst grelles licht brennen.

- Richard Anders
Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger
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