Foto: Susanne Schleyer 
Dieter Schlesak: Tunneleffekt
Gedichte und der Essay
"Fragmente zu einer posthumen Poetik"
mit Fotografien aus der Nanowelt
248 Seiten;

Edition Galrev
Bandnummer: 57, 15 € / 27,50 SFR
ISBN 3-933149-22-3;
 
Gefährliche Serpentinen

Landsehn 

Presse: 
Arbeiten von bekannten, gleichsam Schule machenden Autoren, genannt seien Gellu Naum, Marin Sorescu oder Mircea Dinescu, die bereits Bekanntheit erlangten, stehen neben Übersetzungen zahlreicher jüngerer Dichter: Der Band vereint Gedichte von 110 Autoren, vermag entsprechend ein repräsentatives Bild von der gegenwärtigen rumänischen Lyrik zu entwerfen, die gleichberechtigt neben die - diesen Beweis führt das Buch nachdrücklich - anderer europäischer Länder einschließlich Deutschland zu stellen ist. 
Martin Bienert / Dresdner Kulturmagazin 
 
"Es kommt freilich einem Wunder gleich, einer sensationellen Einmaligkeit, daß der vorliegende Sammelband im wesentlichen von Dichtern übersetzt wurde, von rumänisch-deutschen Lyrikern und Schriftstellern, von Dieter Schlesak, Rolf Bossert, Gerhard Czejka, Lioba Happel, Franz Hodjak, Oskar Pastior, Werner Söllner, Ernest Wichner und etlichen anderen. Sie verbinden mit ihrer Übersetzungskunst, was ja die Voraussetzung zu kongenialer Vermittlung überhaupt sein muß: Kenntnis zweier Sprachen, poetisches Gespür sui generis, Kenntnis der literarischen Tradition und der gesellschaftlichen Zusammenhnge Rumäniens. (...) 
 
Dieter Schlesak, der kundige, hurtige, unermüdliche, versucht unserer Unkenntnis von dieser überaus vielfältigen Poesie mit einem weitgespannten Panorama abzuhelfen. Es grenzt ans Phantastische, daß er mehr als dreihundert Gedichte von einhundertzehn Lyrikern aufgespürt und dafür entlegenste Publikationen sowie Manuskripte durchschürft hat. (....) 
 
Dieter Schlesaks Sammlung ist ein poetisches Abenteuer ersten Ranges. Es löscht einen weißen Fleck auf der Landkarte der Poesie. Eine Sammlung, die sich auch wie die innere Geschichte eines Landes liest, ohne die man die geläufige kaum verstehen kann. 
Hans-Jürgen Schmitt / Süddeutsche Zeitung, Literaturbeilage Nr. 70, 25.03.98 
 
 
"Ununterbrochene Bewegung zwischen Zeit und Raum durchzieht den jüngst erschienenen Gedichtband von Dieter Schlesak, der bezeichnenderweise "Landsehn" heißt. Es ist "das Land", Transsylvanien, das der Dichter einer Lyrischen Beobachtung unterzieht, aber auch das Land als Insel, vielleicht in Anlehnung an Hölderlin, ( "hänget das Land in den See" ), dessen Verse den eigenen programmatisch vorangestellt werden. In Abwandlung dazu ist es auch das (Fest-) Land schlechthin im Gegensatz zum bewegten Wasser, metaphorisch eingesetzt für einen sicheren Port, für eine Endstation der Geborgenheit, die der Reisende nach langer Wanderung zwischen Kulturen und Ländern zu erreichen sich sehnt. Und es ist das "Sehn" , das bewußte Analysieren, Auflösen und Wiederherstellen von Bildern, das die literarische Beobachtung ausmacht. Das lyrische Objekt, das "Land" in seinen unterschiedlichsten hypostasen, und das lyrische Verfahren seiner visuellen Aufnahme geben die Pole ab, zwischen denen Schlesak gravitiert. (...) 
G.R. Stoica / Siebenbürgische Zeitung , 15.11.1997
"Hier ist, um mit Musil zu reden, nicht nur eine neue Seele da, sondern auch der dazugehörige Stil. Das vitale Sprach- und Erfahrungsmaterial ist in großräumige 
Rythmen übersetzt, die in der Ferne die Zentnerschwere einer lyrischen Tradition von Gryphius bis Günter und Klopstock ahnen lassen, bei denen die Form gerade noch die alles sprengende Erfahrung fasst Man möchte auf die formale und sprachliche Kunstleistung hinweisen, auf die Vielfalt der Themen ­ und könnte doch nur sagen: Ecce Poeta: Viele dieser Gedichte lassen den Leser nicht los, sie greifen seine Erfahrung, sein Bewußtsein an."
Walter Hinderer, Frankfurter Allgemeine Zeitung 
 
"Dieter Schlesak legt Gedichte vor, die überwältigen. Sie stellen den Leser; sie beschwichtigen nie. 
St. Galler Tagblatt 
Auf fast einem halben tausend Seiten hat der Schriftsteller und Essayist Dieter Schlesak
die bisher umfassendste und einladenste Darstellung rumänischer Gegenwartsdichtung der letzten vierzig Jahre in deutscher Übersetzung herausgebracht. 
Ein Nachschlagewerk, ein in Zukunft unverzichtbarer Textkatalog für Leser, die sich eine Vorstellung von den drei Jahrzehnten real existentem Sozialismus ( 1960-1989 ) und den intellektuellen Depressionen des Wende-Katers in Rumänien, ein durch poetische Phantasie, Metaphernschutz, Sprachwitz, Hintersinn und Illusionslosigkeit geprägtes Bild gewinnen wollen.
Schlesaks Leistung verdient Respekt und Anerkennung. Seine Sammlung "Gefährliche Serpentinen wird ein wichtiger und verpflichtender Maßstab für künftige Unternehmungen ähnlicher Art und Zielsetzung darstellen."
Horst Schuller, Euphorion 1/2 1999


“Fassungslosigkeit breitet sich aus nach dem Zusammenbruch der Weltbilder. Aber sie hat ihr Gutes. Die vorgefaßten Denkweisen haben immer Sehen verhindert und Leben geraubt,” schrieb Hermann Kurzke in der FAZ über die Lyrik Dieter Schlesaks: Der Fassungs-
Lose versucht, “ohne Vorbehalt zusehen, denWahrnehmungsprozeß als einen gelernten zu entlarven”. 

Der neue Gedichtband “Tunneleffekt” von DIETER SCHLESAK bewegt sich, wie schon der Titel sagt, zwischen Poesie und  Wissenschaft. TUNNELEFFEKT ist nicht etwa die verbreitete Angst Österreich-Reisender, sondern ein physikalischer Effekt, auch “Tunneling” genannt, der die Frage aufwirft, ob man Informationen superluminal, also mit Über-Lichtgeschwindigkeit, oder gar mit negativer Geschwindigkeit transportieren kann, was Ursache und Wirkung verkehren würde. 

Aber, da man es nicht so genau weiß, zeigt der “Tunneleffekt” auch eine “Aufenthaltswahrscheinlichkeit” jenseits der Mauern unserer Sinne, wie der physikalische Begriff der Unschärfe, der Undefinierbarkeit und Unauffindbarkeit von “Teilchen”, also von Wirklichkeit nur mit dem Verstand. Schlesak begibt sich, mehr noch als in seinem vorherigen Gedichtband (Landsehn, Galrev 1997) so am radikalsten auf eine neue Landsuche im Innern des Forschenden selbst. 

Gegen ein Zwischenreich der Phantome wehren sich diese tieferen Lebenskräfte in Milliarden von Menschen täglich, die täglich neu auferstehen und jenen tödlichen Belag, der auf der Welt liegt, immer wieder weg-leben! Das Subjekt rückt ins Zentrum: denn der dichteste Ort des Alls ist der menschliche Kopf. Kenntnis ist übersetztes kosmisches Wissen in unsere Sprachformen, vor allem in die der Mathematik,  außerhalb derer für uns überhaupt nichts existieren kann. Das Subjekt, der Grund dieser Kenntnis selbst, aber kann begrifflich niemals erfaßt werden... Dieses Unfaßbare wurde einmal “metonymische Kausalität” (abwesender Grund) genannt. 

***

“Hier ist, um mit Musil zu reden, nicht nur eine neue Seele da, sondern auch der dazugehörige Stil. Das vitale Sprach- und Erfahrungsmaterial ist in großräumige Rhythmen übersetzt, die in der Ferne  die Zentnerschwere einer lyrischen Tradition von Gryphius bis Guenter und Klopstock ahnen lassen, bei denen die Form gerade noch die alles sprengende Erfahrung fasst... Man möchte auf die formale und sprachliche Kunstleistung hinweisen, auf die Vielfalt der Themen – und könnte doch nur sagen: Ecce Poeta. Viele dieser Gedichte lassen den Leser nicht los, sie greifen seine Erfahrung, sein Bewußtsein an.” 
Walter Hinderer, Frankfurter Allgemeine Zeitung 



Wenn ich diese violetten Blumen vor meinem Fenster sehe 
mich abmühe sie wirklich zu sehen – die verkrüppelte Pergola 
mit dem Wein mich fragen muß ob ich später wohl weiß 
was ich meine – es bleiben ja nur die Wörter stehen 
die nicht mehr weitermachen wenn ich sie weglege 
halte ich auf gut Glück einen Augenblick fest mehr 
gelingt nicht als die Erinnerung an andere violette Blumen 
und die Pergola von früher die in mir weitermacht. 
Und ich kann sie nicht genau beschreiben sie kommt 
aus der Wiese da vor mir die ich nicht mehr sehe 
wenn ich meinen Blick wegwende dieser weißen Fläche zu. 

Und das Wandern der Herde – 
im Bildschirm verschluckt sie das Glas 

Keine Röte mehr auf unserem Gesicht 
trotz Sonnenuntergang 
denn die Scham liegt tiefer 

Das einst bis zur Erschöpfung 
zitierte Herz 

begreift nichts mehr. 

 

Dieter Schlesak: Gefährliche Serpentinen 
rumänische Lyrik der Gegenwart, ausgewählt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Dieter Schlesak, übertragen von Werner Söllner, Oskar Pastior, Ernst Wichner, Gerhard Csejka, Lioba Happel, Rolf Bossert, William Totok, Franz Hodjak, Anemone Latzina, Joachim Wittstock, Dieter Schlesak und vielen anderen, mit Zeichnungen von Pomona Zipser 
ca. 340 Seiten;

Edition Druckhaus 
17,50 €, 32,50 SFR 
ISBN 3-933149-01-0; Warengruppennummer 1 111 

 

Daß Rumäniens Dichter bisher so wenig bekannt geworden sind, liegt und lag vor allem an den bisherigen Übersetzungen, die dem lyrischen Sprachniveau ihrer Zeit nie gerecht geworden sind, was auch Hans Magnus Enzensberger im Vorwort zu
seinem "Museum der modernen Poesie" betont, wo Rumänien fehlt.

Diese Sammlung, wo über dreißig rumäniendeutsche Lyriker durch ihre Übersetzungen die rumänischen Kollegen einem deutschen Publikum zugänglich machen, ist eine Art Hommage der Ausgewanderten an die rumänische Dichtung. 

Die Anthologie stellt vier Generationen vor: die sogenannte Generation 60, die 1960 zu veröffentlichen begann, dann die Generationen 70, 80 und 90. Doch werden auch die Kraftlinien der Einflüsse zurückverfolgt, ältere Autoren der rumänischen Avantgarde, die übrigens auch Paul Celan beeinflußt hatten, ebenfalls aufgenommen. 

Im Zentrum steht die "Generation 80", sie garantiert heute einen neuen Stil auf der Höhe der Zeit, eine besondere, rumänische Art der "Postmoderne", die kein papierenes Spiel mit Versatzstücken ist, sondern eine leidgeprüfte, ironisch-sarkastische Wiederaufnahme der im Westen zur Mode erstarrten Form. In der Mentalität sind diese Vierzigjährigen nicht weit von ihren berühmten Kollegen Emil Cioran und Eugène Ionescu entfernt, die vom "Walachischen Nichts" sprachen und das Absurdistan der rumänischen Zustände (vor, während und nach der Diktatur) zum radikalen Bruch, zur negativen Mystik und zum Schwarzen Humor inspiriert hat. 

Nachdem nun die alte Grenze und auch die alte innere und äußere Zensur überwunden wurden, wird eine ganz neue, viel schwierigere und fast unüberwindliche Grenze im Bewußtsein und in der Sprache erkannt! Wichtig auch, daß Mircea Eliades Nachfolger auf dem Lehrstuhl in Chicago, Ioan Petre Culianu, gleichaltrig mit den Achtzigern und mit einigen von ihnen befreundet, eine orginelle Deutung des Postmodernismus aus der Perspektive theologischer Exegese einbrachte, die die rumänische Literatur beeinflußt hat: daß wir Gefangene eines verinnerlichten Zwanges sind, Welt so zu sehen, herzustellen, wie es uns eingebleut worden ist, samt den "Kulturzitaten", die uns nicht loslassen.

Die Generation 80 versucht, der "Literathure" zu entfliehen. "Als Leser kommt nur noch der Tod in Frage" (Mircea Cartarescu).
 
Doch kein Import-Stil wird kultiviert, auch wenn starke amerikanische und französische Tel-Quel-Einflüsse zur Brillanz verholfen haben, denn Ausgangspunkt ist das Totalitäre, seine falsche Pathetik und sein Kitsch. 
Die Generation 80, so einer ihrer Poeten, wird von der Wirklichkeit "hypnotisiert", "von der Unmenge natürlicher Poesie, die ihr entströmt". Diese Dichtung sei "überraschend irdisch", und die "Banalität empfange täglich Visiten der Poesie"; das "Weltall" sei städtisch geworden, und die Ekstase "aus den Innenräumen auf die Straße hinausgetreten", keine "metaphysischen Stoßseufzer" mehr, es gäbe "neue Masken" und Gefäße für das nicht direkt Sagbare, die berühmte "morgendliche Kaffeetasse", "die Zeitung", der "Einkauf", anstatt "sphärenmusikalischer Solfeggien", die Mülltonnen auseinanderzunehmen. Das "Wirkliche" sei "zur Offenbarung geworden". Und dies vielleicht auch, weil die genaue Wahrnehmung dieses Wirklichen von der Diktatur gefürchtet wurde, ihr ganzes Parolenarsenal und die ideologischen Abgedroschenheiten dienten nur zur Täuschung und zur Verhüllung. 

Auffallend ist die "Freimütigkeit" dieser Generation, die unbelastet von Zwängen und Ängsten offen und selbstverständlich auch der Securitate gegenübertreten konnten, ja Forderungen stellten. Eigentlich war der Geist dieser Generation schon "posttotalitär" - luzide, skeptisch, ironisch, der Glaube an große Entwürfe, Ideen, Utopien war zerbrochen. Ironie, Mündlichkeit, Humor, das Komische, das Absurde, der Alltag zieht sie an. Das alte "Walachische Nichts" der Vergeblichkeit kommt zum Vorschein. Und das Zufällige, ja der gelebte Moment als Mirakel, eine Art Lupe, "monströser Blick" auch, der alles verfremdet, Schockerlebnisse ermöglicht, im Banalen versteckt, das Wesentliche entdeckt. 
aus dem Nachwort von Dieter Schlesak 

 
 
 
Mircea Cartarescu: Der Westen 
Der Westen hat mir den Mund gestopft. 
Ich habe New York und Paris gesehen, San Francisco und 
Frankfurt 
ich war an Orten, von denen ich nicht zu träumen wagte. 
Ich kehrte mit einem Stapel Fotos zurück 
und mit dem Tod in der Brust. 
Ich hatte im Glauben gelebt, daß ich etwas bedeute, daß mein 
Leben 
etwas bedeutet. 
Ich hatte Gottes Auge gesehen, wie es mich durchs Mikroskop betrachtete 
meine Zuckungen auf der Lamelle. 
Jetzt ist aller Glaube dahin. 
Ich war gerade gut genug für eine idiotische Stabilität, 
für ein tiefes Vergessen, 
für einen einsamen Frauenschoß. 
Ich flanierte durch Orte, die heute verschwunden sind. 
Ach, meine Welt ist versunken! 
Meine Welt gibt es nicht mehr, 
meine elende Welt, in der ich etwas bedeutet hatte. 
Ich, Mircea Cartarescu, bin in der neuen Welt niemand 
es gibt hier 1038 Mircea Cartarescus 
und Menschenwesen, die 1038 mal besser sind 
es gibt Bücher hier, die besser sind als alles, was ich je gemacht 
habe 
und Frauen, die sich einen Dreck darum scheren. 
Ein Sprung im pragmatischen Ei, und schon ist Gott hier 
in seiner ureigenen Schöpfung, ein schick gekleideter Gott 
in schönen Städten, an wundervollen Herbsttagen 
und gleichsam zarte South-Virginia-Nostalgie in Dorins 
Straßenkreuzer (Countrymusic aus den Boxen) 
Ich sehe jetzt, wie eng meine Grenzen sind, 
und wie eng die Grenzen der Literatur. 
Die Literatur gibt es nur noch, um zu verkünden, 
daß es die Literatur nur noch deshalb gibt: um zu verkünden 
daß ... Ich aber habe den Sears Tower gesehen 
und aus dem Sears Tower weit unten Chikago im grünen Nebel 
 
Die Poesie aber ist ein Zeichen von Unterentwicklung 
ebenso, wenn man seinem Gott ins Auge blickt 
obwohl er sich nie gezeigt hat. 
Ich sah Flipper und Buchhandlungen und konnte den Unterschied nicht erkennen 
und ich begriff, daß die Philosophie Entertainment ist 
und die Mystik Showbiz 
Die Kultur ist Oberfläche und es gibt überhaupt nur Oberfläche 
die aber ist komplexer als jede Tiefe. 
Was wäre ich dort? Ein Entzückter, ein bis zum Wahnsinn 
glücklicher Mensch 
der mit seinem Leben am Ende ist 
mit seinem definitiv abgefuckten Leben wie der Wurm in der 
Kirsche 
der sich auch etwas Besseres dünkte 
ehe er ans Licht kroch und den Dreck neben sich sah 
(mein Dreck, meine Gedichte) 
Ich habe Menschen gesehen, denen das Abtreibungsgesetz 
wichtiger war als der Zerfall der Sowjetunion 
ich habe hohe und blaue Himmel gesehen voller Flugzeuge und 
ihren Lichtkegeln 
und ich habe das Gebrüll der viertausend Universitäten erlebt 
ich erstieg den Eiffelturm über den Treppenaufgang 
und fuhr ins Centre Pompidou durch die Plexiglasröhre 
und in Iowa City war ich im Fox-Head zu Gast ... 
Ich plauderte in Ludwigsburg mit Hassan und Bradbury 
und Grass und Barth und Federman über die Postmoderne 
wie der Verurteilte mit seinem Henker schwatzt 
ich hielt das Sausen des Fallbeils, 
das meinen Kopf vom Körper trennt, auf Tonband fest 
Es war mir zum Heulen im Luxus von Monrepos: 
Wie ist das möglich? Wieso sind wir vergeblich geboren? 
Weshalb schlagen wir uns mit Vadim und den Nationalisten 
herum? 
Warum können wir nicht endlich mal leben? 
Wieso atmen wir jetzt, da wir endlich leben könnten 
schon wieder den sauren Geruch der Mülltonnen ein? 
Postmoderne und Biedermeier 
Dekonstruktion und Tribalismus 
Pragmatismus und Nabelschnüre 
und das Leben, das anderswo ist ... 
Ich habe San Francisco gesehen, die Schiffe auf dem blauen Golf 
und weit draußen im Ozean die bewaldeten Inseln 
im Pazifik, wenn du dir das vorstellen kannst! 
Ich habe meine Hände ins Wasser des Pazifik getaucht »thanking 
the Lord 
for my fingers». 
Irrsinniges Fernweh überkam mich. 
Und in der berühmten Buchhandlung Ferlinghettis (es gibt sie 
tatsächlich!) 
wie wenn man bewußt in den eigenen Traum oder in ein Buch 
einträte ... 
Einer, der hundert Jahre lang tiefgefroren war, 
öffnet die Augen und entscheidet sich fürs Sterben. 
Was er gesehen hat, war zu schön und zu traurig. 
Denn er kannte da keinen und an den Fingern eiterten die Nägel 
und seine Zähne waren über die Maßen verrottet 
und im Kopf 
hatte er allerlei unnützes Zeug 
und alles, was er je unternommen hatte, 
war von der Substanz her bestenfalls halbe Windstärke gewesen. 
Ein Mann auf einer fernen Insel hatte 
eine Nähmaschine aus Bambus erfunden 
und hielt sich für ein Genie 
denn niemand von den Eingeborenen 
hatte sich je etwas Ähnliches ausgedacht und als die Holländer 
kamen 
belohnten sie ihn für seine Erfindung 
mit einer elektrischen Nähmaschine. 
("Danke schön", sagte er und entschied sich fürs Sterben.) 
Ich finde meinen Platz nicht, ich bin nicht mehr von hier 
und kann von dort keiner sein. 
Die Poesie aber? Ich fühle mich als letzter Mohikaner, 
lächerlich wie Denver, der Dinosaurier. 
Die beste Poesie ist die, die erträglich ist, 
die nur erträglich ist und sonst nichts. 
Wir haben zehn Jahre lang gute Poesie gemacht, 
ohne zu wissen, wie schlecht die Poesie war, die wir machten. 
Wir haben große Literatur gemacht und begreifen jetzt, 
daß sie gerade deshalb nicht über die Schwelle kommt, 
weil sie groß ist, 
zu groß, erstickend in ihrem Fett. 
Auch dieses Gedicht ist kein Gedicht, 
denn nur was kein Gedicht ist, 
kann noch als Poesie bestehen, 
nur was nicht Dichtung sein kann. 
 
Der Westen öffnete mir die Augen, als ich mit der Stirn an 
den Türrahmen prallte 
ich hinterlasse anderen, was bis heute mein Leben war. 
Mögen andere glauben, woran ich geglaubt. 
Mögen andere lieben, was ich geliebt. 
Ich kann nicht mehr. 
Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr. 
 
(gekürzt) 
übertragen von Gerhardt Csejka



Landsehn 
Gedichte 
mit Erzen und Gesteinen aus Siebenbürgen, gezeichnet von Ladislav Pros 
ca. 112 Seiten;

10 €, 19,- SFR
Bandnummer: 49, ISBN 3-910161-93-6

 

Dieter Schlesak ist immer schon im Zwischenraum eines Niemandslandes und als eine Art "Zwischenschaftler" nur in der Sprache beheimatet gewesen, sonst nirgends - ein ostwestlicher Dichter, der aus Transsylvanien stammt, und heute bei Lucca in der Toskana lebt, als einzelner das auszuhalten, was die meisten vergessen möchten! 
Er hat seine Geister in sein zweites Exil, nach Italien versetzt: in diesem neuen Band (nach "Aufbäumen", Rohwohlt, 1990) erscheinen die ostwestlichen Erfahrungen im yrischen Zwischenreich der Sprache - als einzigem festen Boden (vor allem seit 1989). 

Schlesaks neuer Gedichtband hält sich in der Nachfolge von Ernst Meister und Celan, an ein Jenseits der Opfer- und "Totengespräche", versucht alles, auch die neue Grenze und was sich überall als neue "Wirklichkeit" und ihre innere und äußere Mauer aufdrängt, aufzubrechen: "Nichts ist so wie es ist." "Nichts ist wirklich.", weder angesichts der Zukunft, noch vor allem angesichts des Todes. Die Gedichte bewegen sich an den Rändern des großen Geheimnisses, das auszuhalten ist nur mit Hilfe des anderen großen Themas dieses Bandes: der Liebe, die aber in die gleiche Richtung der Unwirklichkeit der realen Welt weist. Es bleibt wie vor 89 auch, damals allerdings als Drohung faß- und sichtbar, der Grenzstreifen des Niemandslandes als einziger Zugang und realer Ort jenseits aller Vortäuschungen. Er hat jetzt andere Werte angenommen und erscheint nur verborgen, vorerst im Medium der Träume und des Gedichts. Der Unterschied heute: alles ist erschreckend offen! 

 

Es geht zu Ende was bisher war, 
und die Stimmen sind fern wie morgens um fünf, 
wir werden uns nie mehr wiedersehn, 
wir werden vergessen. 
 
Man sieht´s an der Luft, an den Augen der Leute, 
überall rollen sie die Erinnerungen ein, 
heut sah ich Fotos der siebziger Jahre, da waren 
wir jung und alles schien offen, 
du stiegst in den fahrenden Zug, 
der kam nie an, 
und fuhr ab nur zum Schein. 
 
Alt sind unsere Gefühle geworden. 
Und oft ist es kalt und du spürst nur Gewohnheit, 
als wäre über den Augen ein Schleier, 
und wir gehen mit Abwesendem um. 
 
In allem spür ich schon das Vergessen, 
und die Leute sehn mich gar nicht mehr an, 
so denk ich: vielleicht bin ich plötzlich gestorben 
und hab´s nicht bemerkt, bin unsichtbar geworden. 
 
Es ist nicht nur die Liebe die jetzt vergeht, 
es ist nicht nur Eiszeit der Sinne, es liegt, 
ein Stillstand um uns in der Luft, der uns Angst macht 
und uns den Atem verschlägt. 
 
Denn es geht zu Ende was bisher war, 
und die Stimmen sind fern wie morgens um fünf, 
wir werden uns nicht mehr wiedersehn, 
und wir werden vergessen am Leben zu sein. 

Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger