Foto: Ulrike Rimmele
 
Uve Schmidt: Hitler im Himmel 
Gedichte und Episteln 
mit Fotografien aus dem Familienalbum
etwa 90 Seiten;

Edition Galrev, Bandnummer: 51 
10 €, 19 SFr
ISBN: 3-933149-05-3, Warengruppennummer: 1 150
       



Abendland-
dämmerung

Presse: 
 
Story im Gedicht  
und gekonnte Formlosigkeit statt lyrisch imprägnierter Metapher –  
dieser Tonfall gehört in die Neunziger  
wie Effe in die Nationalmannschaft. 
Jörg Schieke /
Junge Welt, 7.10.98
 

 


Uve Schmidt, geboren 1939 in der Lutherstadt Wittenberg, lebte ganz gern in der DDR, bis der 15jährige als ,Militärspion' enttarnt wurde und nach Westberlin fliehen mußte. Im Unterschied zu den meisten seiner "rübergemachten" literaturproduzierenden Landsleute hat Schmidt über die Kindheits-
und Jugendjahrein Ostdeutschland "aus guten, unguten und unerfindlichenGründen" kaum geschrieben, doch in all seinen Gedichtbüchern und Prosawerken hörte man die Wittenbergisch Nachtigall trapsen, mehr oder weniger virtuos. 

Gleichsam ein lebendes Fossil des altdeutschen März, erscheint Schmidt als eine Art Quastenflosser, dessen Überdauern sich seiner Abneigung gegen Aquarien verdankt. Gleichwohl nicht Fisch (sondern Skorpion), aber Fleisch von unserm Fleisch, ein Literat, der (seit 1960) es mit der eigenen stillen Überzeugung hält, daß es "die Hauptaufgabe des Schriftstellers ist, zu leben" (Marquez). Die Folgen sind nachlesbar oder auch nicht, denn der frühgerühmte Poet ist ein spätgereifter Prosaiker. Spätestens seit der Selbstauflösung der Sowjetunion und der Wiedereinführung des pflanzlichen Lampenöls in die Dichtung glaubt unser Autor nur noch an den Ärger als Quelle der Inspiration und an den Zweifel als Leitgeist. 

Uve Schmidts Gedichte und Episteln sind so gut wie Episteln oder Gedichte, Jacke wie Hose in einer Zeit, da die einen im Mantel der Geschichte schwitzen, die andern im Blaumann bibbern und immer weniger Leute etwas am Hut haben mit Büchern. Dagegen empfehlen sich Schmidts Texte; sie eignen sich kaum zum Mitsingen, doch zum Mitdenken, eine bewußtseinsstärkende Kopfsportart. HITLER IM HIMMEL vermittelt seinen Lesern und Leserinnen, was sie immer schon ahnten, aber nicht auszudenken wagten: Daß unser privater Mikrokosmos sich um die selbe alte Achse dreht wie die grosse weite Welt. 

Was könnte erregender und tröstlicher sein, dann zumal, wenn des Autors dreieckiges Auge deutlich zwinkert? Ernst ist es Schmidt allerdings mit den "deutschen Dingen", mit der nationalen Rätselfrage, als wer oder was wir die neue Eiszeit bzw. den "Wärmetod" (Konrad Lorenz) überstehen. Wer sich davor zu retten trachtet auf eine einsame Insel, sollte dieses Buch mitnehmen: Einmal über die Pfanne gehalten und die Seegurken sind gar! 

 

Leben 
 
Nachts, wenn der Wasserhahn 
tropft, schlafe ich gut, obwohl 
die Staubmilben in der Matratze 
schreien müßten wegen der Strahlungen, 
welche mein Bett durchfluten ... 
 
Morgens, wenn ich nichtaufsteh, 
klagt die Katz ihr Frühstück ein, 
obwohl sie zum Haushalt nur beiträgt, 
was uns ein rumänisches Findelkind 
oder einen Hund erspart ... 
 
Mittags, wenn der Herd gähnt, 
lese ich im Diätkochbuch am liebsten 
das Kapitel über die verzauberte 
Schweinshaxe, obwohl ich zufolge 
Beta-Karotin-Mangels beinah blind bin ... 
 
Zur Vesper, da Kakaobutter & Koffein 
mir auflauern, entziehe ich mich 
in den Biergarten, obwohl wenig dafür 
spricht, den Mondaufgang bei 
sinkendem Cholesterinspiegel zu erleben ... 
 
Spät abends, wenn die Spaghetti 
durch meine Nasenscheidewand 
flutschen und fettlos geröstete 
Erdnüsse mein Weib befriedigen, 
geloben wir unsere ultimative Ernährung 
 
von Seeluft und Liebe und Tageslicht 
in Gesellschaft der Fünf Tibeter 
und einer Äskulapnatter 
in Franzbranntwein. 
Lachaim!



Uve Schmidt: Abendlanddämmerung
Gedichte
mit Röntgenbildern des Autors
120 Seiten;

12,50 €, 23 SFR, ISBN 3-933149-27-4



Abendlanddämmerung klingt nach Titelschutzobjekt, ist aber keines, sondern die Alte Welt im Spätlicht ihrer Zivilisationsgeschichte, wahrgenommen von der Warte eines Kulturpessimisten. In der Tat verhelfen auch optimale Observationstechniken nur zu Bildern, welche richtiggedeutet werden
ollen, im Zweifelsfalle zugunsten der jeweiligen Feindbildvorlage. Allerdings bedarf es keiner Satellitenfotos, um die Mondsichel über Kölln und Kreuzberg zu erkennen, das Kraushaar im europäischen Milchsee und den großen Graben zwischen Schlesien und Schwaben, Alt (Franz) und Jung (Claudia), Pontefix und Cybersex, zwischen Ideal und Kapital: Um die Eingeweide unserer hirnrissigen Gesellschaft auszuleuchten, langt die photopoetische Sonde des Uve Schmidt.

Schmidts neue Gedichte entstanden gleichsam als Jahrtausendkinder (1999-2001) und so sindse frühreif, heikel und überraschungsvoll wie Laborfrüchtchen der Epoca nuova nur sein können. Gegen den germanistischen Strich streben sie nicht, da die zuständigen Ordinarien und Medien derzeit noch klären, ob "Lyrik als Gesellschaftstheorie" (Luhmann), also als "Nachahmung der Soziologie" (Kaube) funktioniert oder "weg von der Revolution der poetischen Sprache, hin zu ihrer Renaissance" (von Petersdorff / Bartmann) die Lösung sein solle.

Uve Schmidt, der eingangs der sechziger Jahre in diversen Anthologien von Rang als "Deutschlands jüngster Dichter" festzustellen war, sieht sich heute vor einem speziellen Altersproblem: Wenn (nach Otto F. Best) die Lyrik als die wandlungs- und entwicklungsfähigste poetische Gattung gilt, wer oder was ist dann der Poet; falls er nach Sechzig noch den Beweis erbringt? Wandlungsfähig svw. chamäleonisch, entwicklungsfähig svw. instrumentalisierbar? Man bleibe am Mann; der Literat im Vorrentenalter ist per se ein Nörgler, bestenfalls ein Zynikus, aber unvermeidlich Unkenvater? Tatsächlich gab Schmidt schon als Kleinkind verblüffende Proben seiner analytischen und prophetischen Begabung, Oralhistörchen freilich, indes seine späteren Befunde und Prognosen als Literatur nachzulesen sind. Kein Gedicht von ihm ohne das Wasserzeichen der Skepsis, kein epischer Text mit gutem Ausgang, kein Hörspiel, das unseren Kriegsblinden gefallen hätte! Was immer Uve Schmidt thematisierte, erwies sich als punktgenauer Vorausblick auf schlimmere Verhältnisse und dümmere Verhängnisse; was Wunder, daß seine Beliebtheit sich am Rande der Bannmeile bewegt. Für Schmidt vermutlich der passende Platz, aber leider auch eine Gegend, die zu unpassenden Schlüssen und Defaming ermuntert. Ein Feind des Staates und der Erbswurst ("gute Dinge") ist er mitnichten, doch gewiss ein Gegner herrschender Kulturhäuser, gewaltloser Revolutionen, stiller Reformen und alkoholfreier Weihnachtsfeiern. Für die Freunde und Freundinnen gleicher Grundüberzeugungen und selben Geschmackes liest sich Abendlanddämmerung deshalb wie ein Poesiealbum dessen, was man/frau genauso sieht und so ähnlich gesagt haben wollte, im Idealfall mit den Worten von Uve Schmidt und den besten Empfehlungen des Hauses...
Uschi v. Emdt



Abendlanddämmerung

Schreck laß nach!
Die Samen, las ich neulich,
sind die letzte Urbevölkerung
Europas. War uns das nur nie gewärtig,
weil man sie für Lappen hielt?

Mag sein, daß sie als solche
die letzten in größeren Gruppen
wandernden Autochthonen sind,
doch gewiß nicht die einzigen und somit
letzten Urviecher diesseits des Urals.

Zu denken wäre da an diverse Bergvölker,
an die Hochtalspezies & Gletschergnome
aller Himmelsrichtungen, archaische
Pfeifsprachkünstler, Überschalljodler,
Bruderblutstrinker und veritable Hexen,

gewissermaßen die Höhlenkinder
ihrer Staatsnationen, denen sie bei
Profilmangel als Charaktermasken
dienen und die konzertierte Gemeinschaft
begleiten auf ihren Teufelsgeigen.

Nein, so arm dran sind wir
noch nicht, daß ein paar tausend
Rentiertreiber das letzte lebende
Zeugnis eurasischer Herdbuchkultur
verkörpern als Ahnenerbe des Okzidents!

Erst wenn meine Kinder
begriffen haben, daß ihr fruchtloses
Privatleben dazu führt, eines grauen
Tages den letzten Schmidt, Schmitt,
Schmid, Schmitz, Smit oder Smith

am Rande des Chinesischen Friedhofs
von Bitterfeld begraben zu müssen,
werden unsere Seelen ausschwärmen
und diese Letzten die Ersten sein
unter den Gespenstern der alten Welt...

Egalit

Egal, wer in einem
kommunalen Pisshaus
mein Nachbar ist: Immer
muß ich fürchten, der falsche
Mann zu sein.

Egal, was das Kind
dabei denkt: Falls ich ihein Bonbon anbiete oder nur
sein Mützchen vom Zaun hole,
denken die Leute schlecht.

Egal, wie gut ich´s meine
mit den deutschen Omas:
Wenn ich ihnen die Haustüren
aufhalten möchte, trauen sie
lieber den Dieben als mir.

Egal, ob ich einem Penner
nix, etwas oder meine Rolex
gebe: Er wird mich verachten.
Erst, wenn wir aufhören, an
unsre Nächsten zu denken,
werden wir eins sein mit allen.

* * *
 

Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger